Jahrgang 
111 (2008) / N.S. 62
Seite
469
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2008, Heft 4

Literatur der Volkskunde

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SCHARFE, Martin: Berg- Sucht. Eine Kulturgeschichte des frühen Alpi-nismus 1750-1850. Wien/ Köln/ Weimar: Böhlau, 2007, 382 Seiten, zahlr.s/ w- Abb.

Das Konkurrenzprinzip ist im Kleinen wie im Großen Teil gegenwärtigerBergsteigerkultur und findet sich, wie Martin Scharfe eingangs feststellt,schon in der zum Gipfel strebenden bürgerlichen Gesellschaft des späten18. Jahrhunderts.

Während kein Bergreisender der Zeit um 1800 versäumen wollte, denBarometerstand abzulesen und ihn später mit Vergleichsmessungen zu ver-öffentlichen, so lesen wir heute gerade eben oben angekommen, die ver-brauchte Zeit ab und haben mindestens ein Gipfelfoto, ein Video mit derHelmkamera oder dem Fotoapparat oder eben eine professionelle Dokumen-tation aus dem Bereich der Formel 1 des Bergsteigens einer mehr oderminder großen Öffentlichkeit anzupreisen.

Hinter der gegenwärtigen Nutzung der Berge mit all ihren Sport- undFreizeitvarianten steht eine Geschichte der bürgerlichen Eroberung derBergwelt, die in der Aufklärung ihren Anfang nahm. Scharfe stellt hier diechristliche Religion ins Zentrum seiner Betrachtung. War einerseits christ-liche Religionspraxis eine Grundbedingung des Überlebens im alpinenRaum, so brachte die Aufklärung neben Anderem eine Tendenz mit sich, diefür eine kritische Berggeschichte von essenzieller Bedeutung ist und bisherkaum rezipiert wurde: der Religionszweifel des späten 18. Jahrhunderts.Denn, so die These des Autors, die Aufstellung von Gipfelkreuzen als einmodernes Phänomen sei nicht Ausdruck eines christlichen Glaubens son-dern dessen Zerfalls. Im Vorwort des Buches findet sich die Bildbeschrei-bung der Darstellung einer festlichen Einweihung eines Bergkreuzes imJahre 1823, die sich, kurz gefasst, als Kruzifix mit Blitzableiter in diesemKontext selbst erklärt.

Die Inspiration durch ein Objekt verweist auch auf Martin Scharfespublizistische Aktivitäten für den Österreichischen Alpenverein. Währendseiner Gastprofessur am Institut für Europäische Ethnologie/ Volkskunde derUniversität Innsbruck von 2002 bis 2006 und auch nach wie vor ver-öffentlicht er regelmäßig alpine Miszellen im Magazin ,, Bergauf.1 Dabeigreift er auf den Sammlungsbestand des Alpenvereinmuseums zurück undgibt so historische und gleichermaßen sinnliche Weitblicke auf das Reser-voir alpinistischer Kultur frei. Bei den Vorbereitungen der zum Ende desJahres 2007 vom Alpenverein in Innsbruck eröffneten Ausstellung: ,, Berge,

1 Österreichischer Alpenverein( Hg.): Bergauf. Das Magazin des ÖsterreichischenAlpenvereins seit 1875. Hier: Ausgabe 01/2008, Jänner- März, Jg. 63( 133), S. 9.