2008, Heft 4
Chronik der Volkskunde
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Károly Gaál 1922-2007¹
Am 19. Mai 2007 ist Károly Gaál im Alter von 85 Jahren verstorben. SeineGeburtsurkunde nennt den 23. April 1922. In der ihm eigenen Art hat er überseinen Lebenslauf wissen lassen: ,, Meine Mutter, die ohne Zweifel beimeiner Geburt dabei gewesen ist, hat bis zu ihrem Tode darauf bestanden,dass sie mich nicht am 23., sondern am 24. April zur Welt gebracht hätte."Der 24. war nämlich ein Sonntag gewesen und die Mutter wollte ihrem Kinddie Verheißung des Sonntagskindes mit auf den Weg geben. In ,, Kire marada Kisködmön – Wer erbt das Jankerl?", dem Text, der 1985 in Szombathelyerschienen war, schreibt Gaál in feiner Ironie von seinen ,, formellen Lebens-lauf- Varianten".
Wohl stand Budapest als Ort der Geburt im Pass, doch die Suche nachseinem Geburtshaus riet Gaál aufzugeben. Im Zug sei es gewesen, zwischenKeszthely und Budapest, wo er zur Welt gekommen. Freilich habe manversäumt, eine Gedenkplakette am Eisenbahnwagon anzubringen. Interpre-tiert man die Eisenbahn als Symbol der Bewegung, dann wird sie alsGeburtsort zur Metapher. Erzwungene und freiwillige Mobilität – Gaál warein Reisender, der sich nie ganz einordnen oder vereinnahmen ließ. Er istdaher vielleicht auch nicht überall angekommen, angenommen, nie ganzheimisch geworden, in Österreich und eben auch nicht in Ungarn. Dasbestimmte( so autobiographisch) schon die Kindheit, in der er den Kamera-den zu wenig ungarisch, dann später manch Hiesigem zu ungarisch war.
Zur Biographie weiter: Nach der Matura im Piaristengymnasium Kecs-kemét nimmt Gaál ein Studium der Ethnographie, Kulturgeographie, Ge-schichte und Literaturgeschichte an der Universität Budapest auf, arbeitetals Praktikant im Székler- Nationalmuseum, wird 1944 verhaftet und in einLager verschleppt. 1945 wird er Assistent am Institut für Ethnographie derUniversität Budapest. Seine Promotion schließt er 1946 mit einer Disserta-tion über den Wallfahrtsort Máriapócs ab. Er wird Museumsdirektor, zuletztim Balaton- Museum in Keszthely. 1956 ist er Gründungsmitglied des west-ungarischen Nationalrates, er flieht nach Österreich. Es folgen ein Stipen-dium an der Universität Lund( Schweden) und diverse Forschungsaufträgeim Burgenland. Das Jahr 1964 sieht ihn mit einem Lehrauftrag über ,, Tra-ditionelle Kultur des Karpatenraumes“ am Institut für Volkskunde derUniversität Wien. Die Habilitation erfolgt 1969. 1975 wird er zum Ordina-
1 Für seine bereitwillige, kollegiale Hilfe bei der nicht einfachen Ermittlung vonDaten danke ich Olaf Bockhorn. Biographische Hinweise zur Kriegs- undNachkriegszeit entstammen auch dem ,, Who- is- Who in Österreich“( 1997).