Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXII/ 111, Wien 2008, 435–439
neuerdings
Die Rezepte des Dr. Bohr¹
13 Rezepte kamen im Mai 2008 als Schenkung in das ÖsterreichischeMuseum für Volkskunde. Ausgestellt zwischen 1927 und 1934, unterschei-den sie sich formal markant von den heutigen Vordrucken unserer Kranken-kassen: Ein einfaches Blatt Papier, mal dicker, mal dünner, etwa 5 bis 7 cmbreit, 12 bis 15 cm hoch. Am oberen Rand gestempelt der Name des Arztes,von diesem mit Tinte die verschriebene Arznei bzw. die einzelnen Stoffe fürdie Mixtur, jeweils grammgenau, zwei weitere Stempel( die Apotheke, einDatum) sowie der mit Bleistift gesetzte Nachname des Einreichers.² NachAusfolgung der Arznei durch die Apotheke wurden die Verschreibungendem Patienten wieder mit nach Hause gegeben- nicht wie heute, wo dieRezepte von der Apotheke für die Einreichung bei der Krankenkasse einbe-halten werden.
Wollen wir die Rezepte ordnen und beschreiben, fällt auf, dass etlichevon ihnen noch weitere Signaturen aufweisen: Zumeist mit Bleistift, teil-weise in Kurrent oder auch schon in lateinischer Schrift, wurde festgehalten,wofür die Medikamente verschrieben wurden, mitunter inklusive Ge-brauchsanweisung:„, gegen: Ausschläge und Flechten" oder ,, Hühneraugen,harte Haut", gegen ,, Blutarmut, nervöse Kinder, 3 x tägl. 20 Tropfen inWasser" ,,, Medicin für Durchfall" oder ,, gegen Rote Hände“- Schriftfetzenvom Vater des Überbringers. Diese Informationen wurden dupliziert, siescheinen ein zweites Mal auf, zumeist auf der anderen Seite des Rezepts,mit Tinte und in lateinischer Schrift. Die Mutter des Überbringers hat hier-später noch einmal eine Beschriftung vorgenommen.
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Wollen wir die Objekte kontextualisieren, suchen wir nach Anhaltspunk-ten, die uns ihre Bedeutung erschließen bzw. die Frage beantworten sollen,weshalb eine Sammlung von Arzneirezepten in einer Familie über zweiGenerationen aufbewahrt wurde, bevor sie der Sohn dem Museum übergab.Diese Suche eröffnet eine bestimmte Welt, die Welt des Dr. Bohr.
,, Oskar Bohr“ einmal gegoogelt, bringt einen schnellen Hinweis: Prakti-scher Arzt im 3. Wiener Gemeindebezirk, geboren 1858, gestorben 1935.Nach ihm ist eine Gasse benannt, die Dr.- Bohr- Gasse, ebenfalls 3. Bezirk.Dr. Bohrder ,, Helfer der Armen“, der ,, Edle Wohltäter" und ,, Menschen-
1 ÖMV, Inventar- Nr. 83.665/ 001-013.
2 Die Unterschrift auf den Rezepten ist jene des Vaters des Widmungsgebers.