Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXII/ 111, Wien 2008, 405-434
Verdächtige Minderheit
Roma im Fernsehkrimi Tatort
Bernhard Fuchs
Die realitätsbetonte Fernsehkrimiserie Tatort wird aus Per-spektive der Minderheitenforschung betrachtet. Sozialkriti-sches Image und integrationspolitisches Potential des Tatortswerden kritisch beleuchtet und teilweise revidiert. In diesemfiktionalen Medium werden soziale Bedrohungsszenarienund Ängste dargestellt. Proteste von Minderheiten gegen ein-zelne Folgen wurden durch stereotype und diskriminierendeDarstellung ausgelöst. Political correctness wird als ein Ele-ment des Diskurses sichtbar. Der Krimi muss ethischen undästhetischen Ansprüchen genügen.
Im Krimi werden Weltbilder und gesellschaftliche Ordnungen alsmedial aufbereitete Imaginationen sichtbar. Tatszenarien veranschau-lichen die vorherrschenden Ängste und zeichnen Bedrohungsbildereiner verletzbaren Gesellschaft. Gleichzeitig stiftet dieses Genre Si-cherheitsgefühl, das Vertrauen, dass der gewohnte Kosmos wieder-hergestellt werden kann, und letztlich die Moral siegt. Im( post) mo-dernen Krimi dürfen jedoch Zweifel an der Rechtmäßigkeit derOrdnung aufkommen. Gegenüber dem klassischen Krimi, wo dierationalistische Detektion einem naturwissenschaftlichen Paradigmafolgt, können hier sogar Ungewissheit und Zufälle überwiegen.¹
Der Tatort erregte erst vor kurzem meine Aufmerksamkeit- undzwar aus musikethnologischer Perspektive: Zufällig wurde ich daraufaufmerksam, dass die bekannte österreichische Roma- Musikerfami-lie Nikolic- Lakatos im Fokus eines Tatorts stand. Die Sängerin Ruzsa
1 Viehoff, Reinhold: Vom Tatort und dem Ort der Tat. Oder: cogito, ergo- Krimi?Überlegungen zur neuen Subjektivierung im Fernsehkrimi. In: von Gottberg,Joachim, Lothar Mikos, Dieter Wiedermann( Hg.): Mattscheibe oder Bildschirm.Ästhetik des Fernsehens. Berlin 1999, S. 253–263, http: //www.mediaculture-on-line.de/fileadmin/bibliothek/viehoff_tatort/viehoff_tatort.pdf, aufgerufen am18.11.2008( auch alle im Folgenden zitierten Internetquellen wurden am selbenDatum noch einmal vom Autor geprüft).