2008, Heft 3
Literatur der Volkskunde
353
dunklen Färbung ab und sorgen für Unruhe im Hintergrund. Die dunkelgekleidete Radfahrerin steht ihrerseits im starken, fast störenden Kontrastzur deutlich helleren Kulisse“( S. 118f). Und wenn man sich nun fragt,woher die Autorin ihre Maßstäbe für ein ,, gut“ und ein ,, schlecht" arrangier-tes Bild nimmt, so verweist sie auf quasi objektive Normen in Gestalt derseinerzeit allgemein verbindlichen Porträtieranleitungen für Fotografen. Zuderen Grundregeln gehörte eine harmonische Beziehung zwischen Hinter-grund und Figur, weswegen man allzu große Kontraste zwischen Kulisseund Person sowie innerhalb des Hintergrundes vermeiden sollte.
Abgesehen davon, dass die Autorin sich mit einem bisher in der volkskund-lichen Forschung vernachlässigten Themenbereich befasst hat und damit sozu-sagen zwangsläufig zu neuen Erkenntnissen gelangt ist, vermag sie auchbestimmte Auffassungen aus Medienwissenschaft und Historiographie zu kor-rigieren: Erstens weist sie nach, dass die heute geläufige Siegerikonographienicht erst in der Zeit des Nationalsozialismus, verbunden vor allem mit demNamen Leni Riefenstahl, begonnen hat, sondern bereits vorher festgeschriebenwurde. Allgemein ist man der Auffassung, dass Untersicht, Nahaufnahme undAnlehnung an die Ikonographie antiker Siegerskulpturen vor allem durch LeniRiefenstahl populär geworden sind. Das stimmt nicht, wie wir nun dank derDissertation von Christine Walther wissen: Bereits im ersten Jahrzehnt des 20.Jahrhunderts werden Sieger dergestalt porträtiert. Zweitens macht die Autorindeutlich, dass die Siegerfotos nicht, wie oftmals behauptet, als nationale Sinn-bilder verwendet wurden, sondern für die Propagierung der„, weißhäutigen,zivilisierten westlichen Welt“, um sich gegenüber den fremden ,, Anderen“ ausAfrika und Asien abzugrenzen.
Insgesamt handelt es sich um eine überzeugende Dissertation: Die Auto-rin hat sich gründlich mit der wissenschaftlichen Literatur befasst und nebenvolkskundlichen Arbeiten auch die wichtigsten Werke aus den Nachbardis-ziplinen herangezogen. Ihr methodisches Vorgehen ist plausibel und strin-gent, vor allem aber überzeugen die ausführlichen Interpretationen derFotografien. Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass sie in zwei wichtigenFragen verbreitete wissenschaftliche Ansichten korrigieren konnte.
Bernd Rieken
SCHMALE, Wolfgang: Geschichte der Männlichkeit in Europa( 1450–2000). Wien u.a.: Böhlau Verlag, 2003. 328 Seiten, 76 s/ w Abb., 10 Graf.
Die sogenannten„, men's studies" haben sich, angeregt von anglo- amerika-nischen Impulsen, als ernst zu nehmendes Segment der historischen Ge-schlechterforschung etabliert und interessante Analysen historischer Virili-