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Literatur der Volkskunde
ÖZV LXII/ 111
WALTHER, Christine: Siegertypen. Zur fotografischen Vermittlung einesgesellschaftlichen Selbstbildes um 1900.(= Kulturtransfer. AlltagskulturelleBeiträge, Bd. 4), Würzburg: Königshausen und Neumann, 2007, 285 Seiten,76 s/ w Abb.
Die Arbeit, eine Dissertation der Ludwig- Maximilians- Universität Mün-chen aus dem Jahre 2006, stellt einen Beitrag zur volkskundlichen Bild- undMedienforschung dar und verfolgt die Veränderungen in der fotografischenDarstellung des Siegers in der Zeitschrift ,, Sport im Bild“, der auflagen-stärksten deutschen Sportzeitschrift des wilhelminischen Kaiserreiches,während ihres gesamten Erscheinungszeitraumes zwischen 1895 und 1920.In naiver Weise glaubt man zumeist, dass die Dinge immer schon sowaren, wie man es gewohnt ist. Das stimmt eigentlich nie und auch nicht indiesem Fall, denn wir erfahren von Christine Walther, dass bis zum Beginndes 20. Jahrhunderts Sportler im Atelier porträtiert wurden und noch nichtals Sieger ausgewiesen waren. Denn bis dahin existierte kein differenziertesmentales Bild desselben, und es war die bloße Teilnahme an Wettbewerbennoch eine Besonderheit. Die uns geläufige Sportfotografie mit ihren sieger-spezifischen Merkmalen entwickelte sich erst zwischen 1900 und 1920: dasVerhalten der Fotografierten, ihr„ Heiligenschein“, heroisierende Blick-achsen sowie typische Rezeptionsformen( Personenkult, Siegerehrung u.a.)und Bildgebungsprozesse( Image- und Biographienbildung).
In weiterer Folge führt uns die Autorin durch die Vorstellungswelt hinterden Bildern, indem sie die darin implizit enthaltenen gesellschaftlichenNormen und Werte analysiert. Sie unterscheidet zwischen dem ,, männlichenleistungsstarken Sieger“, dem ,, weißhäutigen zivilisierten Sieger" und dem,, fairen fleißigen Sieger" bürgerlicher Herkunft, der sich abgrenzt vomBerufssportler proletarischer Provenienz, aber auch vom adeligen Sportler.Diese Wertvorstellungen werden teilweise recht subtil vermittelt, wie dieBildinterpretationen deutlich machen. Ein Beispiel, das die unterschiedlicheAblichtung von Mann und Frau untersucht, möge das illustrieren: DieSiegerin eines Radrennens ,, wird in Sportkleidung fotografiert, und sie sitztfür die Aufnahme auf ihrem Fahrrad, wie es auch für die fotografischeAbbildung männlicher Radfahrer üblich ist. Ein deutlicher Unterschiedbesteht allerdings hinsichtlich der Hintergrundwahl. Anstelle einer Land-schaftsansicht, der Radrennbahn oder einer einfarbigen Leinwand, die beiden männlichen Siegerporträts gewöhnlich als Hintergründe dienen, wähltder Fotograf eine schlichte gräuliche Mauer, die das Bild zu zwei Drittelnausfüllt. Im unteren Drittel des Bildes wird die Mauer von einem dunkel-grauen Boden abgelöst, der einen starken Kontrast zur hellen Mauer bildet.Die Fugen zwischen den einzelnen Mauersteinen heben sich auf Grund ihrer