340
Literatur der Volkskunde
ÖZV LXII/ 111
Ebenso bezog Beitl die staatlichen Institutionen selbst in seine Analyse vonKinderschreckgestalten ein: ,, die starke sicherheitspolizeiliche Durchleuch-tung eines modernen Staates" zeige sich in seinem Material dadurch, dassdas Kind ,, wenn es schon vor Dämonen und Gespenstern keine Angst habensollte,(...) gemeinsam mit dem Bettler und kleinen Gelegenheitsmacher dasAuge des Wächters, des Schützen und des Polizisten( fürchtet)", letztereKinderschreckgestalten führt er auf ,, religiöse, ethische und pädagogischeVorstellungen“( S. 147) zurück. Das erörtert er am Beispiel der ,, bürgerli-chen Feldpolizei“, ein Phänomen der kleinbäuerlichen Ökonomie in Süd-deutschland, die dort das Personal der Kinderschreckgestalten stellt( S. 149–152). Entscheidend ist, dass er keinen qualitativen Unterschied inden verschiedenen Kinderschreckgestalten sieht,„ eine scharfe Grenzlinieist(...) auch hier nirgends zu ziehen“, da sich„ mit zunächst ganz sachlichgemeinten Drohungen in zahlreichen Fällen doch mythische Vorstellungs-inhalte verbinden( S. 147). Die Konsequenz, mit der Beitl das Rationaleund das Irrationale zusammensieht, und die Freiheit, mit der er sozialhisto-rische Rekonstruktion und kulturanthropologischen Vergleich über Raumund Zeit nicht als Widerspruch sondern als Elemente und Komplementeeiner volkskundlichen Untersuchung präsentiert, zeichnen ihn nicht nur fürdie damalige Zeit sondern auch angesichts späterer Spaltungen nach derReform der Volkskunde aus. Für beide Perspektiven führt er vehementArgumente an: ,, vor den volkskundlichen Traktätchenschreibern, die jedesSprichwort und jede Anekdote auf Volkspsyche, Stammescharakter undDorfart zurückführen wollen“ könne man ,, nicht genug warnen“( S. 149).Zugleich aber bestimmt er es als einen ,, Irrtum mancher Volkskundler(...),der Mehrzahl der Kinderschrecke mythische Gestalt abzusprechen"( S. 166). Beitl formulierte also eine analytische Perspektive, die einerseitskulturanthropologisch postulierte, dass die mythische Form eine eigeneDimension und Dynamik hat und entwickelt, die nicht sozialhistorischrekonstruiert bzw. dekonstruiert werden kann, und die andererseits aber densozial-, politik-, wirtschafts- und institutionenhistorischen Kontext konse-quent mitreflektiert.
Am Ende seiner Arbeit diskutiert Beitl zusammenfassend die Befunde( S. 156-220) in Bezug auf den zeitlichen Faktor( Mythengeschichte), denräumlichen Faktor( Mythengeographie) und in Bezug auf ,, Volkskunde undKinderpsychologie“. Für die historische Dimension resümiert er für unter-schiedliche Schreckgestalten unterschiedliche Entwicklungen, nämlich,, Wachstum, Schwund und Stabilität“( S. 168), auch diese Differenzierungzeichnet ihn als Wissenschaftler aus, der Geschichte untersuchte und nichtVerlust perhorreszierte. In ,, geographischer"- heute würde man es räumlichnennen- Hinsicht konstatiert er zunächst ,,, dass der Kulturforscher alle, das