Jahrgang 
111 (2008) / N.S. 62
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LXII/ 111

die afrikanischen Flüchtlinge vor Spaniens Küsten- erst vor kurzer Zeitankamen. Vor dem Hintergrund der Migration funktioniere das Konzept deskulturellen Erbes wie ein Schirm: So ermögliche beispielsweise die steteKonstruktion von kulturellem europäischem Erbe etwa auf dem Feld derReligion einerseits, Ängste und Missverständnisse aus der Begegnung mitdem Islam zu bändigen, sie verdecke aber zugleich die Diversität dereuropäischen Gesellschaften und die vorhandenen Spannungen. Hier setzedie Aufgabe der Europäischen Ethnologie an. Wolfgang Kaschuba präzisier-te diese Aufgabe in seinem Vortrag als der eines ,, mindmanagers" postmo-derner Imaginationen. Das Fach habe ein Gegengewicht zu den derzeitboomenden Heritage- Konzepten zu schaffen, indem es kritisch dasAuthentizitäts- Geschäft der Heritage- Produzenten durchleuchte, diePluralität der europäischen Gesellschaft herausstelle, auf Dynamik statt aufKonservierung setze, die Ränder betrachte, und die gerne vergessenenAspekte des sozialen, kulturellen und ökonomischen Erbes thematisiere.Wie dies konkret etwa in der musealen Inszenierung aussieht, thematisierteSharon Macdonald. Sie zeigte ebenso ,, krankmachende Heritage- Kon-struktionen( ,, sticky heritage) als auch auf Diversität setzende Ausstel-lungskonzepte zur Visualisierung der Pluralität europäischer Kulturen.

Unter der Überschrift ,, European Heritages" fanden am zweiten Kongres-stag 16 Panels und fünf Workshops statt. Man arbeitete an ganz ver-schiedenen ,, Baustellen europäischen Erbes: der Konstruktion von ,, Eng-lishness" bzw. englischer Kultur, neuen Formen der Nahrungskultur(, Fu-turistic Food") als Möglichkeit jugendlichen Protestes gegen herkömmlicheNahrungsmittel, Celticity" als Inszenierung des Keltisch- Seins, interkul-turelle Kommunikation, Paganismus als neue religiöse Bewegung, Vorstel-lungen von Europa, politische Implikationen des Heritage- Konzepts, Tech-nik- und Naturkundeaustellungen als Medium der Inszenierung Europas,immaterielle( Lieder) und materielle Kultur( Kleider) als Verdinglichungvon Heritage- Konzepten, jüdisches Erbe und anderes mehr. Ein roter Fadendurch die diversen Heritage- Konstruktionen ließ sich schnell ausmachen:Es ist die Bedeutung von Geschichte als rekonstruierbarer und rekonstruier-ter Vergangenheit. Geschichte ist Bestandteil vieler aktueller populärerBewegungen in Europa, die spätmodernen Zeitgenossen Antworten auf ihrerFrage nach Sinn und Orientierung in der komplexen Welt versprechen.Dabei spielt Religion auch in westlichen Gesellschaften eine wachsendeRolle, und zwar weniger in bekannten Formen als in Gestalt neuer bzw. neuentdeckter Religionen wie den Paganismus. Diese überaus erfolgreichespirituelle Bewegung arbeitet mit Geschichte in ähnlicher Weise wie andereProduzenten von Heritage- Konzepten. So zeigte Jenny Blain( Sheffiel Hall-am University) am Beispiel der von ihr und Robert Wallis untersuchten