2008, Heft 3
Chronik der Volkskunde
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Denn in Derry wird die konfliktvolle und schmerzhafte Geschichte um dienordirische Unabhängigkeit, wird der Konflikt selbst zum ,, Heritage" unddamit auch zur Ressource einer aufkeimenden Tourismusindustrie. Längstsind die Murals hier nicht mehr nur Mittel im politischen Kampf, sondernauch eine der touristischen Attraktionen. Als wichtiges Symbol der nordiri-schen Kultur standen die Wandbilder von Derry und Belfast daher auch imZentrum des Abschlussvortrags von Anthony Candon( National Museum ofIreland). Gerade weil die Geschichte der Stadt bis in die jüngste Ver-gangenheit hinein so konflikthaft war, wird sie hier mit besonderer Verveund übrigens- etwa im Tower- Museum mit beeindruckendem Know-How erzählt. Dabei kreiert Derry seine Geschichte unermüdlich neu: Wäh-rend des Kongresses wurde gerade ein neues Wandgemälde fertig gestellt:Es zeigt neben Nelson Mandela, Mutter Teresa auch den örtlichen Nobel-preisträger John Hume. So war Derry einerseits angesichts seiner Gast-freundschaft und der lokalen Geschichte und Kultur ein besonderer Kon-gressort, stand aber andererseits zugleich in seinem Bemühen um Identitätauch beispielhaft für das derzeitige Ringen um kulturelle Eigenheiten inEuropa. Dass diese Konstruktionen in Auseinandersetzung mit den politi-schen Maßnahmen stehen, illustrierte anschaulich die Ablehnung der EU-Verfassung durch Volksabstimmung in Irland kurz vor dem SIEF- Kongress.Dies Ringen um das kulturell ,, Eigene“, die wachsende Betonung kulturellerDifferenz in Europa und seine Bedeutung für die Europäische Ethnologieals der, die europäischen Gesellschaften begleitenden Analytikerin, warenLeitthema des Kongresses.³
Der Eröffnungsvortrag von Peter Jan Margry( Meertens- Institut, Amster-dam) und die anschließenden Plenarvorträge von Wolfgang Kaschuba( Humboldt- Universität Berlin) und Sharon Macdonald( UniversitätManchester) reflektierten kritisch die Konstruktion des europäischen Heri-tage- Konzepts als kulturpolitisches Schlüsselkonzept Europas seit den1990er Jahren. In seinem Eröffnungsvortrag ,, Memoralizing Europe. TheReframing of an Undefinable Continent“ erklärte Peter Jan Margry dasKonzept des europäischen Kulturerbes als Ersatz für die gescheiterte poli-tische Utopie Pan- Europas. Europa sei aber nicht nur Gegenstand politischerUtopien, sondern auch der Träume vieler Menschen. Darunter solcherMenschen, deren Vorfahren bereits vor geraumer Zeit in Europa gelandetsind und die sich daher als ,, einheimisch“ begreifen und solcher, die- wie
3 Programmübersicht und Kongresshandbuch sind auf folgenden Web- Sides ein-sehbar: http://www.arts.ulster.ac.uk/sief2008/docs/SIEF_programmeWeb.pdf
( zuletzt eingesehen am 11.7.08); http://www.arts.ulster.ac.uk/sief2008/docs/SIEF_handbookcontent.pdf( zuletzt eingesehen am 11.7.08).