Jahrgang 
111 (2008) / N.S. 62
Seite
277
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXII/ 111, Wien 2008, 277-282

neuerdings

Helmut Seethaler die Aneignung des öffentlichen Raumes

Der ,, rebellische Zettelpoet von Wien

Es ist der 4. August 2007, ein sonniger Tag. Schauplatz ist die Schweden-brücke zwischen dem ersten und zweiten Wiener Gemeindebezirk. DasGeländer der gesamten Brücke ist beklebt mit kleinen und größeren Zetteln.Bei näherer Betrachtung stellt man fest, dass es sich um kleine Gedichte undSprüche wie etwa: ,, Je mehr Dinge vom Denken ablenken, umso lenkbarerwerden wir für die Dingeerzeuger", handelt. Verfasst wurden diese Gedich-te von Helmut Seethaler, Wiens, Zettelpoeten.

Seethaler schreibt seine so genannten Pflückgedichte nun schon seit über30 Jahren. Er beklebt den öffentlichen Raum mit seinen kleinen Sprüchen,die Denkanstösse für die Menschen sein sollen und erfreut damit immerwieder Passanten, deren Weg von seiner Zettelpoesie gekreuzt wird. AlsTräger seiner Gedichte dienen ihm Klebestreifen, die er beispielsweise anBrückengeländern, U- Bahn- Stationen, Bretterverschlägen an Baustellenoder zwischen Bäumen anbringt. Dass diese langjährige Leidenschaft undLebensaufgabe nicht nur Liebhaber findet, ist unschwer nachvollziehbarund obwohl Seethaler inzwischen sogar eine Methode entwickelt hat, umseine Gedichte wieder rückstandslos von den beklebten Flächen zu entfer-nen, stößt er auf regen Widerspruch.

Der Verfasser der Pflückgedichte wurde bereits über 3000 Mal angezeigtund mehrmals wegen Verschmutzung, Erregung öffentlichen Ärgernisses,Lärmbelästigung usw. zu Geldstrafen oder ersatzweisen Haftstrafen ver-urteilt. In über 2500 Fällen hatte der Berufungsrichter jedoch entschieden,dass Seethalers Gedichte und Aktionen als Kunstausübung zu akzeptierenseien. Einer der Berufungsrichter begründete einen Freispruch wie folgt:,, Seethaler hat in der Ausübung seiner Kunst agiert. Das Besondere liegtdarin, an öffentlichen Orten Gedichte an Klebebänder zu applizieren, wo-durch Literatur außerhalb des üblichen Kulturbetriebs einem großen Perso-nenkreis in einem untypischen Umfeld vermittelt wird: Bestrafungen wür-den diese Form der Kunst unmöglich machen. Es wäre ein unverhältnis-

1 Helmut Seethaler.