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Mitteilung
ÖZV LXII/ 111
Erinnert ist man mit ihnen aber auch an Erscheinungen der von Walter Heimso genannten ,, Volksgraphologie", an die ,, Briefe zum Himmel" oder an dieWandkritzeleien und Kirchengraffitis( Abb. 3), die man mit etwas Glück inmeist etwas devastierten Kirchen( wie derzeit ,, Maria vom Siege" amWiener Mariahilfer Gürtel) sehen kann. Und erinnert ist man auch an all dieEintragungen in den sogenannten Anliegenbüchern, die heute in vielenKirchen aufliegen und zur schriftlichen Äußerung von Sorgen, Wünschenund Bitten einladen.
Die Eintragungen der Anliegenbücher werden üblicherweise in der Mess-feier im Rahmen des, Gebets der Gläubigen“ gewissermaßen als stilleFürbitten mitintendiert24- doch finden sich unter ihnen oft auch solche, diesich für diesen offiziellen Gebrauch kaum eignen. Es handelt sich dabei umimmer wiederkehrende Schriftzüge, die deutlich von ein und derselbenPerson stammen, fast täglich bzw. auf fast jeder Seite vorkommen, manch-mal auch für Wochen oder Monate ausbleiben, um dann wieder konzentriertaufzutauchen. Und während gewöhnlich in den Anliegenbüchern ganz kon-krete und damit eben auch meist einmalige Bitten an die Transzendenzgerichtet werden- wie es ja auch ihrer Funktion im liturgischen Kontextentspricht-, enthalten jene Eintragung nur sehr allgemein gehaltene Appelleund verdanken sich so wohl vor allem dem exzessiven ,, Bestreben desGläubigen, eine Spur von sich am heiligen Ort zu hinterlassen." 25 DieseEintragungen wiederholen sich immer wieder, durchfurchen gewissermaßendas Anliegenbuch, indem sie manchmal, in ihrer Schriftgestalt sich deutlichvon ihrem textlichen Umfeld abhebend, halbseitig Raum beanspruchen oderganze Seiten füllen, manchmal auch zwischen den Zeilen voranstehenderEintragungen stehen und das oft mit der gleichen repetierenden Formel,etwa mit der Bitte ,, um einen gesegneten Tag und Hilfe für uns alle“ unddazu einem graphisch- hastigen ,, Vergelt's Gott"( Abb. 4). Man ist ver-sucht – in eher hilfloser Erklärungsbemühung- hier Zwangshandlungen zukonstatieren, oder auch die Anliegenbücher in der Funktion eines Tagebu-ches in seiner restringiertesten Form zu sehen oder auch als Ersatz eines
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Walter: Katholisches Vereinswesen in Wien. Zur Geschichte des christlichsozial-konservativen Lagers vor 1914(= Geschichte und Sozialkunde, 5). Salzburg:Neugebauer 1980, S. 40.
24 Nikitsch, Herbert: Schreiben und Glauben. Anliegenbücher als Beispiel moder-ner Volksreligiosität. In: Eberhart, Helmut, Edith Hörandner, Burkhard Pöttler( Hg.): Volksfrömmigkeit. Referate der Österreichischen Volkskundetagung 1989in Graz. Wien: Selbstverlag des Vereins für Volkskunde 1990, S. 191-201, hierS. 195.
25 Scharfe, Martin: Über die Religion. Glaube und Zweifel in der Volkskultur. Köln,Weimar, Wien: Böhlau 2004, S. 139.