Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde111 (2008) / N.S. 62Nikitsch, Herbert: Promulgation – vom Votivbild zum Graffiti

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Promulgation – vom Votivbild zum Graffiti : Beobachtungen zur „popularen Religiosität“?
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2008, Heft 3

Mitteilung

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damit verwandten Erscheinungen. Walter Heim hat sie als ,, schreibendvollzogenes Gebet" in den Bereich der ,, schriftlichen Devotion" eingereiht,jener jüngste[ n] und zeitgemäßeste[ n] Variante religiöser Dokumentati-on", die ,, mehr und mehr an die Stelle bildlicher Zeugnisse[ tritt und dieauch] dem modernen Zeitgeist[ entspricht], wo eine schriftliche Äußerungjedermann selbstverständlich und natürlich ist, so daß sie beinahe schon alsdie einzig mögliche Art des Zeugnisgebens empfunden wird. 19 Ansonstenweiß man über diese steinernen Exvotos nicht viel mehr, als dass sie ,, seitder 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts 20 aufkommen, dann allerdings das Votiv-wesen dominieren und in zuweilen unübersehbarer Menge begegnen( Abb. 2).21 Gewissermaßen als Billigvariante kann man ihnen all die papie-renen ,, Votivtafeln des Dankes" 22, also die Propagierung von Danksagungenund Gebetserhörungen in jenen frommen Periodica zur Seite stellen, wie siein Wien in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts bis weit in die ersteRepublik hinein auf dem Boden eines damals blühenden katholischen Kon-gregations- und Vereinswesens 23 in großer Zahl herausgegeben worden sind.

18 Harvolk, Edgar: Votivtafeln aus Bayern und Österreich(= Bilderheft der Staat-lichen Museen Preußischer Kulturbesitz, 32). Berlin: Mann 1977, S. 14.

19 Heim 1961( wie Anm. 15), S. 3( in Verwendung eines Zitats von Rudolf Kriss).20 Brockhaus Enzyklopädie Online( 21. Aufl.), Stichwort Votiv, http: //www.brock-haus-enzyklopaedie.de/be21_article.php?document_id=0x0ef36619%40be.21 Zudem waren sie oft in ihrer Situierung bei vielen Altargestaltungen in gründer-zeitlichen Kirchenneubauten ein Bestandteil des architektonischen Konzeptswobei oft Raum für weitere Anbringungen ausgespart blieb( wie beispielsweisebeim Altar der hl. Theresia von Lisieux in der um 1900 erbauten DöblingerKarmeliterkirche zu sehen). Dieses Angebot wird fallweise auch heute nochangenommen in der Regel freilich werden derzeit die ,, modernen Tafelnweniger angebracht, sondern- oft im Zuge von Kirchenrenovierungen- abge-nommen und landen dann wenn schon nicht auf dem Müll, so doch im( Pfarr) Ar-chiv( wie etwa in der Hietzinger Pfarrkirche Maria Geburt) oder, soweit aushöherwertigem Material, zur Wiederverwertung in den Steinmetz- und Bildhau-erbetrieben( freundliche Auskunft von Martin Schmeiser, BildhauermeisterWien, Juni 2007).

22 So bezeichnet wird die einschlägige Rubrik etwa im ,, Sendboten des göttlichenHerzens Jesu, eine international in hoher Auflage von den Jesuiten verbreiteteMonatsschrift von kaum zu überschätzendem Promulgationsradius, siehe Ni-kitsch, Herbert: ,,... den unsern Jammer, der anders brennt. Verortungen derJudas Thaddäus- Verehrung im Ersten Weltkrieg und in unserer Zeit. In:Gottfried Korff( Hg.): Alliierte im Himmel. Populare Religiosität undKriegserfahrung(= Untersuchungen des Ludwig- Uhland- Instituts der Universi-tät Tübingen, 99). Tübingen: Tübinger Vereinigung für Volkskunde e. V. 2006,S. 223-262, hier S. 231f.

23 Nach Sauer existierten um 1900 in Wien über 200 katholische Vereine; Sauer,