Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde111 (2008) / N.S. 62Nikitsch, Herbert: Promulgation – vom Votivbild zum Graffiti

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Promulgation – vom Votivbild zum Graffiti : Beobachtungen zur „popularen Religiosität“?
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Mitteilung

ÖZV LXII/ 111

eines Gelübdes"). Damit erinnert dieser Begriff zugleich an die historischenZusammenhänge, in denen das Votivbild auch zu sehen ist. Man hat dabeivor allem den ,, für das Mittelalter[...] zentrale[ n] Gedanken des rechtlichenTreueverhältnisses" in den Vordergrund gerückt- eines rechtlichen do- ut-des- Verhältnisses also, wie es ,,[ nicht nur] zwischen den ständischen Grup-pen[ sondern] auch zwischen der Gesamtheit der Menschen und Gott"bestanden hat.

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Doch diese Andeutung zur Genese des Votivs soll hier genügen undauch die formalen Gliederungsprinzipien der Votivbilder und ihre stereotypeAusformung will ich nur am Rande erwähnen. Man hat hier einen regelrech-ten optischen Kanon ausgemacht, der gewöhnlich aus einem Bild- undeinem Inschriftenteil besteht, wobei am ,, echten Votivbild[...] nicht derredende, sondern der bildliche Teil wesentlich[ ist]. Seine gewissermaßenklassische Ausprägung wird durch die Darstellung von drei Grundmotivenbestimmt, nämlich von Kultobjekt( der Heilige in Gestalt des angerufenenGnadenbildes), intendiertem Objekt( Opferobjekt oder Opfermotiv) undOpfersubjekt( Stifter). Diese Dreiheit ist untrennbar. Dieses kompositori-sche Grundmuster- das sich in kunsthistorischer Ableitung auf die Gestal-tung ,, spätma. Epitaphien zurückführen lässt hat allerdings doch einegewisse Variationsbreite gehabt, und jene überlieferten Votivbilder, aufdenen der ,, redende Teil doch recht präsent ist( Abb. 1), mögen auchzurecht als Vorläufer der steinernen Votivtafeln mit ausschließlich schriftli-chem( oft aus der Formel ,, Bitte und Dank bestehendem) Inhalt gesehenwerden, auf die ich gleich zu sprechen kommen werde und die sich imübrigen in ihrer Produktionsweise nicht prinzipiell von den gemalten Votiv-bildern unterscheiden. Auch diese sind ja, wie man weiß, in der Regelserienmäßig hergestellt worden, wobei sich ihre großteils anonym gebliebe-nen Produzenten aus einem weiten professionellen Feld rekrutiert haben,das vom malenden Handwerker bis zum akademisch ausgebildeten Kunst-und Kirchenmaler reicht.7

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3 Brückner, Wolfgang: Votive, Votivbilder, Votivtafeln. In: Lexikon für Theologieund Kirche. 10. Bd, Freiburg u.a.: Herder 2001, Sp. 907–909.

4 Brückner, Wolfgang: Volkstümliche Denkstrukturen und hochschichtliches Welt-bild im Votivwesen. In: Schweizerisches Archiv für Volkskunde 59, 1963,S. 186-203, S. 202.

5 Schmidt, Leopold: Das deutsche Votivbild. In: Ders.: Volkskunde als Geisteswis-senschaft. Gesammelte Abhandlungen zur geistigen Volkskunde(= Handbuchder Geisteswissenschaften, 2). Wien: Bellaria 1948, S. 103–126, S. 109.6 Brückner 2001( wie Anm. 3), Sp. 908.

7 Beitl, Klaus: Votivbilder. Zeugnisse einer alten Volkskunst. Salzburg: Residenz1973, Tafel 22 und 23. Hier auch deutlich gemacht die Arbeitsweise mancher