Jahrgang 
111 (2008) / N.S. 62
Seite
182
Einzelbild herunterladen
 

182

Literatur der Volkskunde

ÖZV LXII/ 111

che waren hier nicht ein Ausdruck gottergebenen Fatalismus, sondern entspran-gen dem Erfahrungswissen über lokale Sturmfluthöhen. Zudem lässt sichanhand dieser archivalischen Quellen eine stärkere soziale Differenzierung derWahrnehmungsmuster als in der hier vorgelegten Arbeit herausarbeiten.

Es steht außer Frage, dass wie Bernd Rieken betont- Denkmuster undLebenseinstellungen auch in der Neuzeit keineswegs immer stärker ,, ver-wissenschaftlicht wurden, sondern eine zumeist schillernde Mischung austradiertem Glauben, Rationalität und Irrationalität bildeten. Diese Polyva-lenz jedoch geht in der vorliegenden Studie immer wieder verloren, wenndas Material selektiv betrachtet wird. Ein besonders problematisches Bei-spiel von vielen ist die Suche nach dem ,, mythologischen Bodensatz in derzeitgenössischen, umfangreichen Studie von Fridrich Arends zur Sturmflut-katastrophe vom Februar 1825: In diesem Fall muss eine aus dem Kontextgerissene, zum Alltagsvokabular gehörende einzelne Floskel dazu dienen,den vermeintlichen Fatalismus im Umgang mit dem Meer zu dokumentieren( S. 271-276, Zitat S. 274).

Trotz dieser Einwände bleibt eine facettenreiche, überaus gut informierteStudie, die zum Nachdenken anregt und eigene Ansätze kritisch hinterfragenhilft. Bernd Rieken hat bisher gültige historische Deutungen und Zäsuren inFrage gestellt- ob in allen Fällen mit gutem Grund, sei dahingestellt.Gleichwohl zeigt sich aufs Neue, dass der stete Blickwechsel noch in derKritik zu neuen Einsichten verhelfen kann.

Norbert Fischer

BINDER, Susanne und Gebhard FARTACEK( Hg.): Der Musikanten-stadl. Alpine Populärkultur im fremden Blick. Wien: Lit Verlag, 2006, 285Seiten, graph. Darst.

Die Untersuchung der vermeintlich alpenländischen volkstümlichen Popu-larmusik und ihrer Erscheinungs- und Verbreitungsformen steht schon langeauf der Liste der Desiderata für das Fachgebiet der Musikethnologie. Des-halb wurde das Erscheinen eines Sammelbandes, der sich mit der Erfor-schung dieses wichtigen Themas beschäftigt, in der Fachwelt der Popular-musikforscher und Volkskundler/ Europäischen Ethnologen sehr begrüßt.Unter der Federführung des bekannten Soziologen Andre Gingrich, der dieLeitung des Projekts ,, Alpine Populärkultur im fremden Blick: Der Musi-kantenstadl im Lichte der Wissenschaften inne hatte, hat sich ein Team ausWissenschaftlern des Themas angenommen und die Ergebnisse unter denHerausgebern Susanne Binder und Gebhard Fartacek im vorliegenden Band