Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LXII/ 111, Wien 2008, 179–192
Literatur der Volkskunde
RIEKEN, Bernd: ,, Nordsee ist Mordsee"- Sturmfluten und ihre Bedeu-tung für die Mentalitätsgeschichte der Friesen. Münster u.a.: Waxmann,2005, 405 Seiten, Abb.
Seit der Historiker Arno Borst 1981 seine Studie über das Erdbeben von1348 veröffentlichte, hat es eine Reihe( kultur-) historischer Arbeiten überNaturkatastrophen gegeben. Die Sturmfluten an der Nordsee rückten erst-mals mit der 1992 vom Historiker Manfred Jakubowski- Tiessen vorgelegtenHabilitationsschrift über die ,, Weihnachtsflut 1717" in den Fokus modernergeschichtswissenschaftlicher Forschung, bevor unter anderem der nieder-ländische Küstenforscher Otto S. Knottnerus das Thema in seinem Aufsatz,, Die Angst vor dem Meer. Der Wandel kultureller Muster an der niederlän-dischen und deutschen Nordseeküste( 1500-1800)" unter mentalitäts-geschichtlichen Aspekten aufgriff. Aus volkskundlicher Sicht wurden Na-turkatastrophen unter anderem von Andreas Schmidt in seinem 1999 ver-öffentlichten Werk ,,' Wolken krachen, Berge zittern, und die ganze Erdeweint'- Zur kulturellen Vermittlung von Naturkatastrophen in Deutschland1755–1855“ behandelt. So reiht sich die vorliegende Habilitationsschrift desWiener Volkskundlers und Psychoanalytikers Bernd Rieken einerseits ineinen seit den 1980er Jahren währenden Forschungskontext ein. Anderer-seits bringt sie auf Grund ihrer volkskundlich, historisch und nicht zuletzttiefenpsychologisch fundierten Ansätze neue Perspektiven auf das Thema
hervor.
Nach eingehender Darstellung des Forschungsstandes beschreibt BerndRieken zunächst sowohl die natürlichen Voraussetzungen an der Nordsee-küste mit ihren extrem fruchtbaren, weil immer wieder neu aufgeschlicktenLandflächen wie auch die Besiedlungsgeschichte in besonderer Hinsicht aufdie friesische Bevölkerung in Deutschland und den Niederlanden. Eineentscheidene Rolle spielten die Gezeiten, weil sie einen steten, Siedeln undWirtschaften determinierenden Wechsel von Hoch- und Niedrigwasser, vonÜberschwemmung und Trockenfallen mit sich brachten. Dem setzte der imhohen Mittelalter begonnene Bau geschlossener Seedeichlinien eine klareGrenze entgegen. Hatten sich die Menschen an der Küste zunächst mit
1 In: Ludwig Fischer( Hg.): Kulturlandschaft Nordseemarschen. Bredstedt/ Wes-terhever 1997, S. 145-174.