Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LXII/ 111, Wien 2008, 125–144
,, Alles tot Ding?"Anmerkungen zum Reliquienkult
Franz Dungl
Der Aufsatz geht der Frage nach Funktion und Motiven derReliquienverehrung bis in die heutige Zeit nach. Eingegangenwird zunächst auf die Definition von Reliquien, primäre Ver-ehrungsmotive und die Sichtweise verschiedener Religionen.Ein religionsgeschichtlicher Überblick beleuchtet die Antike,die alte Kirche bis zur Reformation, Katholizismus und mo-dernen Personenkult. In einer näheren Analyse der Vereh-rungsmotive wird auch auf die Bedeutung von Reliquien fürdie Trauerarbeit und Bestattungsformen mit Parallelen zumReliquiar eingegangen. Psychoanalytische Überlegungen zei-gen Ähnlichkeiten zu Übergangsobjekten, linking objects undFetischen auf.
1. Einleitung
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Ausgangspunkt und Anregung für die nachfolgenden Ausführungenist das Kapitel ,, Museum als Reliquienhort“ des Werkes ,, Die Totenbilden"( Museum und Psychoanalyse II) von Karl- Josef Pazzini, daswiederum auf einem von ihm gehaltenen Vortrag mit dem Titel,, Reliquien ein Aufzeichnungsmedium?“ beruht( Pazzini 2003,S. 75-95, 216). Er sieht das Museum als eine säkularisierte Form derReliquiensammlung( vgl. Pazzini 2007) und konstatiert auch direkteoder indirekte Umwandlungen von Kirchen in Museen im 20. Jahr-hundert bzw.- Ernst Jünger zitierend- die Verwandlung der Reliquieaus einem sakralen in ein museales Instrument( vgl. Pazzini 2003,S. 84). Für die Untersuchung von Bedeutung und Funktion der Reli-quien ist aber auch für ihn die Religionsgeschichte die maßgeblicheGrundlage.
Auf diese wird auch im Titel der vorliegenden Arbeit Bezug ge-nommen, wenn darin auf die Bewertung der Reliquien durch Luther