1998, Heft 4
Literatur der Volkskunde
533
Ins Phantastische leitet dann über, wenn von Tieren die Rede ist, welche vonbeiden Gruppen Eigenheiten haben: ,, J'ai vu un serpent avec des ailes, unserpent à deux têtes..."( S. 300) Die Autorin beobachtet den Übergang vonder Schlange zum Drachen in bestimmten Liedern.
Der Abschnitt enthält auch ein Unterkapitel ,, Les animaux chtoniensrampants et la mort“. Unter den jenseitigen Tieren tauchen neben dem Drachenauch der Thirio, die Lamia, der Stocheio auf, indes himmlische Tiergestaltenpraktisch fehlen. Wir denken dabei an Engel, die in Legenden als Tiere erschei-nen, woran es in griechischen Legenden keineswegs mangelt.
Dankbar ist der Leser für den Index, welcher es erheblich erleichtert sichüber das Vorkommen bestimmter Wesen im griechischen Volkslied zu infor-mieren.
Man fragt sich freilich auch: Wie groß mag die Einbuße in den Liedernunserer Zeit sein? Möglicherweise haben sich da Prosatexte in manchenGegenden und Dialekten länger erhalten. Zweifellos ist der Band eineBereicherung unserer durch Puchner ja bereits gut fundierten Kenntnisse desgriechischen Volkslieds.
Felix Karlinger
KRETZENBACHER, Leopold: Bild- Gedanken der spätmittelalterlichenHl. Blut- Mystik und ihr Fortleben in mittel- und südosteuropäischen Volks-überlieferungen(= Bayerische Akademie der Wissenschaften, philoso-phisch- historische Klasse, Abhandlungen, Neue Folge, Heft 114). München,Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, in Komm. bei derC. H. Beck'schen Verlagsbuchhandlung München, 1977, 115 Seiten( Großformat), 34 Abb. auf Taf. und 15 Abb. im Text. ISBN 3-7696-0109-2.
Die vorliegende Monographie geht auf Bilddarstellungen ein, die zwischen1350 und 1450 einen gewissen Höhepunkt gehabt haben dürften, und derMotivkette ,, Christus als Blutquell“ bei den Kreuzigungsdarstellungen an-gehören: aus der Seitenwunde des Gekreuzigten strömt Blut, das von Maria,Engeln oder ihm selbst in einem Kelch aufgefangen wird, während Maria ineinem blutbespritzten maphorion unter dem Kreuze steht( oder bei pietà-Darstellungen hält sie den Leichnam des Heilands auf den Knien, deutlichaber ist das blutbespritzte Kopftuch zu sehen, das auf die vorige Szeneverweist), bzw. aus den Wundmalen des Schmerzensmannes sprießen Äh-renhalme und Weinreben hervor; auf rumänischen Hinterglasbildern des 18.und 19. Jahrhunderts ist es dann Christus selbst, der die aus seinen Wund-malen hervorsprießenden Weintrauben zerquetscht und ihren Saft in einem