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Literatur der Volkskunde
ÖZV LII/ 101
KARAGIANNIS- MOSER, Emanuella: Le Bestiaire de la chanson popu-laire grecque moderne. Paris, Presses de l'Université de Paris- Sorbonne,1997, 394 Seiten.
Dieses Werk zeugt von breitem Überblick über Materialien und von derKompetenz der Autorin. Es enthält zahlreiche Texte aus Volksliedern nichtnur im griechischen Original, es folgt jeweils auch eine französische Über-setzung. Im Aufbau folgt es der Einteilung: Les rapports animal- homme, Ducri à la parole, Manifestation de l'expression animale qui reflète un senti-ment humain, Le dialogue entre l'animal et l'home, L'animal à parolehumaine et l'homme à parole animale, Le cheval, La séduction, Le chevalet son environnement merveilleux, La fonction symbolique des animaux, Lafonction surnaturelle, Les animaux fantastiques. Daran schließt sich eineBibliographie und ein Index an.
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Diese grobe Andeutung des Aufbaues vermag freilich nicht aufzuschlüs-seln, wie gut durchdacht durch Unterkapitel das Buch seinen Inhalt darbietet.Es geht von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, die ebenso psycho-logische Überlegungen wie naturwissenschaftliche Beobachtungen enthal-ten. Verblüffend ist etwa die Feststellung einer gewissen Dominanz desPferdes und überraschend das Registrieren von Tieren, die im modernengriechischen Volkslied fehlen, wie die Insekten und die Meerestiere. Bei denInsekten fällt die Absenz etwa der Bienen auf, welche im mythischenBereich der Antike- aber auch in neuzeitlichen griechischen Legenden undMärchen eine bedeutende Rolle spielen. Dazu äußert sich die Autorinhinsichtlich der Bienen: ,, Il est donc surprenant et interéssant de noter quel'abeille est pratiquement absente des chansons, si ce n'est pour symboliserle bruit et donner..."( S. 358.)- Bei den Meerestieren fehlt zum Beispiel derDelphin, sonst ebenso aus Märchen und Mythen Griechenlands geläufig.Dabei hält die Autorin fest, daß ja gerade er dem Menschen besondersnahesteht. Aus Prosatexten kennen wir nicht nur seine Funktion beim Erret-ten Ertrinkender, sondern wir wissen auch von seiner Rolle im Bereich desErotischen.( Im letzteren Fall mag es sein, daß die Sammler bei der Heraus-gabe ihrer Texte gehemmter vorgegangen sind als ihre Fachkollegen hin-sichtlich der Volkserzählungen. Eine Begründung für das Fehlen des Del-phins bei den Volksliedern weiß auch Karagiannis- Moser nicht.
Neben dem Pferd spielen auch andere Haustiere, etwa Esel, eine Rolleund daneben fällt auf, daß Vögel und Schlangen häufig begegnen. Bei denVögeln wird man nicht übersehen, daß ihr„ Gesang" sie gerade in denBereich des Hörens einbezieht, bei den Schlangen mag eher der erschrecken-de und geheimnisvolle Aspekt seine Wirksamkeit ausüben. Bei beidenVögeln wie Reptilien- ist auch die Beziehung zum Jenseitigen naheliegend.