Volume 
101 (1998) / N.S. 52
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LII/ 101

nachvollziehen; die jüngeren halten mit dem Werk den Schlüssel zur Neu-belebung eines bisher für sie vielleicht unbekannten Vermächtnisses inHänden.

Katarína Popelková

Salner, Peter: Prežili holokaust[ Sie überlebten den Holocaust]. Hg.: Ústavetnológie SAV( Institut für Ethnologie der Slowakischen Akademie derWissenschaften) und Verlag SAV Veda, Bratislava 1997, 189 Seiten.

Voller Bewunderung habe ich das zweijährige Bemühen meines KollegenPeter Salner verfolgt, die bitteren Erinnerungen jener Menschen aufzuzeich-nen, die die schoah überlebt haben. Aus freundschaftlichen Gesprächenwußte ich, daß für ihn die Zeugnisse über ihr Leid nicht nur eine Anhäufungvon Forschungsmaterial" waren. In der Konfrontation mit den Schicksalender jüdischen Mitbürger und mit der Gesellschaft, in der diese Schicksalegeschehen konnten, hatte er sich mit den historischen Ereignissen in ihrerganzen Unmenschlichkeit auseinanderzusetzen und mußte, um nicht in dieRolle eines verspäteten Anklägers zu verfallen, zugleich die widerspruchs-vollen politisierenden Bewertungen der Zeitgenossen relativieren. Er hat soden nötigen Abstand gewonnen und wenn das in diesem Fall überhauptmöglich ist- auch wissenschaftlicher Objektivität gehorcht und ich freuemich, daß ihm das gelungen ist.

Die Publikation umfaßt neben einer umfangreichen Einleitung sechsKapitel, in denen der Autor rund 4.000 Seiten Zeugenaussagen von 110Gewährspersonen verarbeitet. Durch die Auswahl und Einordnung der ein-zelnen Texte und durch ihre Kommentierung gelingt es ihm nicht nur, dieVorfälle nach seiner Sicht der Dinge" zu erklären, sondern auch einegefühlsmäßige Wirkung zu erzielen. Dabei geht es Peter Salner nicht umemotionale Effekthascherei- er läßt die Texte selbst zu Wort kommen undrechnet und das zu Recht- damit, daß sie den aufmerksamen Leser ihrenstarken Eindruck von selbst vermitteln.

Bemerkenswert ist, wie Salner an den neuralgischen Punkt der behandel-ten Problematik herangeht, der in der nachrevolutionären Gegenwart ineiner Vielzahl falscher Argumente, Entschuldigungen und daraus folgenderMißverständnisse bloẞgelegt wurde. Es handelt sich dabei um die Bezie-hung der Bevölkerungsmehrheit- also der Slowaken als Gesamtheit- zurjüdischen Bevölkerung vor, während und nach dem Holocaust- und hierstellt sich zwingend die Schuldfrage, die ihrerseits auf einen in der Gesell-schaft tief verwurzelten Antisemitismus weist. Der Abstand des Autors zudiesem Problem ist in der ganzen Arbeit spürbar, er läßt Raum für die ganze