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Chronik der Volkskunde
ÖZV LII/ 101
Die Beiträge waren in ihrem Ansatz breit gestreut- innovativ, konserva-tiv, theoretisch, empirisch und auch praxisnah. Die Debatte über den ange-messenen Umgang mit Begriffen zog sich quer durch die Tagungsbeiträgeund Diskussionen. Einen zweiten Schwerpunkt bildete- dem Titel derVeranstaltung folgend die Frage nach der Kulturtechnik„ ethnographi-sches Wissen" und ihren Bezügen zur gesellschaftlichen Praxis.
Hermann Bausinger erinnerte an die von ihm bereits vor rund zwanzigJahren geübte Kritik der volkskundlichen Grundbegriffe und deutete auchdie aktuelle Auseinandersetzung um den Ethnosbegriff als Zeichen einesallgemeinen Paradigmenwechsels. Der anspruchsvollere Terminus ,, Ethni-zität“ sei an die Stelle von„, Volk“ getreten und müsse ebenso als Konstrukterkannt werden. Bausinger bezeichnete Ethnizität als ein„ Placebo mitNebenwirkungen“ und wies auf das Paradoxon hin, daß die Unschärfe vonBegriffen eine wesentliche Grundlage von Kommunikation sei. Bausinger( und der Mehrheit der Anwesenden) schien es aber vielmehr um einenkritischen Diskurs als um die Veränderung des wissenschaftlichen Vokabu-lars zu gehen. Im Gegensatz dazu plädierte Gerard Rooijakkers heftig füreine Verabschiedung des problematischen ,, Kontainer- Konzepts" Ethnizität.,, Identität“ stellt seiner Meinung nach eine sinnvolle Alternative zum-belasteten und heuristisch wertlosen- Begriff Ethnizität dar. Ausgehend vonden eingelangten Abstracts zur 6. SIEF- Konferenz in Amsterdam beschul-digte er die VertreterInnen der Europäischen Ethnologie der Blindheit fürdie ,, schwarzen“ Seiten der Volkskultur( wobei er einräumte, es gäbe auchein paar wenige Ausnahmen). Statt dessen würden sie sich harmlosenGeschichten widmen, die sie in ein vages Konzept von Ethnizität einbette-ten. Seine provokanten Äußerungen sorgten für lebhafte Diskussion. DieDebatte nach Rooijakkers Referat( über die in den Niederlanden herrschen-de Rivalität zwischen dem autochthonen Saint Nicholas und dem amerika-nischen Santa Claus) drehte sich weiters um Termini wie ,, Kultur" ,,, Wissen“oder ,, Ethnographie“ und um den Gegensatz„ emisch“-„, etisch“.
Bjarne Stoklund setzte die Instrumentalisierung ethnographischen Wis-sens im Nationalitätenstreit zwischen Deutschen und Dänen anhand vonhistorischen Beispielen aus der Bauernhausforschung auseinander. Er be-tonte, daß dasselbe Material von deutschen bzw. von dänischen Wissen-schaftlern völlig unterschiedlich interpretiert wurde. Der ethnographischeBlick, geschärft für die Wahrnehmung von feinen Unterschieden, ist einesder Instrumente zur Konstruktion ethno- nationaler Grenzen. Nach seinemReferat stellte Stoklund klar, daß er selbst im genannten Untersuchungsge-biet keine kulturelle Grenze erkennen könne.
Péter Niedermüller veranschaulichte, wie EthnographInnen das Bild ei-nes imaginären Ost- Europas entwerfen und wie dieses die allgemeine Re-präsentation dieses Raumes mitprägt. Dieses ethnographische Wissen bezie-