Jahrgang 
101 (1998) / N.S. 52
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Mitteilungen

ÖZV LII/ 101

Edward Saids berühmte, Orientalism"-Studie- als eine westlich- diskursiveKonstruktion des Balkans bezeichnet hat.3

Weniger komplex, ist damit die Geschichte einer Wahrnehmungsweisegemeint, die hier mit einer zur Jahrhundertwende gemachten Beobachtungillustriert sei: ,, Slawische Dichtungen-- so der österreichisch(-ungarisch) eSchriftsteller Roda- Roda( Sandor Friedrich Rosenfeld)- würden von aus-ländischen Autoren und Übersetzern oft ,, frei wiedergegeben. Die Streckevom fremden Dichter bis zum deutschen Leser ist überaus lang. Oft scheutsich, wer fremde Literatur übertragen soll, so weit zu wandern, hält keu-chend halben Wegs und stammelt wirre Berichte, die durchsetzt sind vonBrocken fremden Sprach- und Gedankengutes. Ich bin die Strecke vollendsgegangen, nach Hause, um, ferner Eindrücke voll, daheim zu erzählen, wasjenseits der Berge ich Würdiges und Merkwürdiges hörte und sah."* Manmag in der Metapher des nur halb zurückgelegten Weges nicht nur eineliterarische Verkürzung, sondern vor allem die oben angesprochene west-lich- intellektuelle Konstruktion des Balkans erkennen. Aber auch Roda-Roda hat selbst davon gesprochen, seine Geschichten ,, vom Saum des Morgen-landes Glossar ::: zum Glossareintrag landes geholt zu haben, und nicht zufällig verwertete er dafür frühe literarisch-ethnographisch inspirierte Zeitgenossen( etwa Vuk Stefan Karadžić).

Letzterer Hinweis führt zu einer spezifischen Konnotation des ,, imagingthe Balkans: Es bezieht seine zentralen Elemente aus dem ethnographi-schen Forschungsfeld und aus volkskundlicher Argumentation. Solch ein,, ethnographisches Paradigma" ließe sich in der österreichischen Fachge-schichte ohne Schwierigkeiten ausführlich nachzeichnen, hier aber soll nureine Schlüsselszenerie erwähnt werden: Das 1878 zunächst besetzte unddann annektierte Bosnien- Herzegowina galt allgemein als wissenschaftliche,, Pforte" in den Orient Glossar ::: zum Glossareintrag  Orient, eine Sichtweise, die übrigens zur eigentlichenGeburtsstunde der österreichischen Volkskunde geführt hat: Denn bereits1884 wurde von der, Anthropologischen Gesellschaft in Wien" eine eigene,, ethnographische Commission gegründet, galt es doch nun neben der,, allgemeinen Ethnologie, das Studium der Ethnographie Oesterreich- Un-garns und der Ethnographie der Balkanländer auf's Kräftigste anzuregen undzu unterstützen". Diese spezifische Ausrichtung der österreichischen Volks-

3 Todorova, Maria: Imaging the Balkans. New York- Oxford 1997; dies.: TheConstruction of a Western Discourse of the Balkans. In: etnološka tribina 19,1996, S. 7-24.

4 Roda Roda: Der Ritt auf dem Doppeladler. Erzählungen. Wien 1993, S. 333.5 Köstlin, Konrad: Das ethnographische Paradigma und die Jahrhundertwende. In:Ethnologia Europaea 24, 1994, S. 5-20.

6 Riegl, Alois: Volkskunst, Hausfleiß und Hausindustrie. Wien 1894, S. 77.

7 Szombathy, J.: Ausschußsitzung am 8. Jänner 1884. In: Mittheilungen der an-thropologischen Gesellschaft in Wien 14/4, 1884, S.[ 6].