Volume 
101 (1998) / N.S. 52
Page
57
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Österreichische Zeitschrift für Volkskunde

Band LII/ 101, Wien 1998, 57-64

Zu den Anfängen der akademischen Lehrein der ungarischen Ethnographie

Tamás Mohay

Die Entwicklung der Volkskulturforschung verlief währenddes 19. Jahrhunderts in West- und Osteuropa in unterschied-licher, vom jeweiligen Stand staatlich- politischer Verfaẞtheitabhängiger Weise. Ungarn als ein- auch in sich multiethnischstrukturierter-- Teil der Habsburgermonarchie ging dabei ei-nen eigenen Weg, der jedoch mit den Entwicklungen in Zen-traleuropa korrespondierte. Die ungarischen Autoren des,, Kronprinzenwerkes" waren auch jene, die bereits im Vorfeldder universitär institutionalisierten Volkskunde Vorlesungenüber verschiedene Gebiete des Volkslebens hielten. Der ersteLehrstuhl für Ethnographie wurde allerdings in Ungarn erstin den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts gegründet.

Wie überall in Europa begann auch in Ungarn die einige Jahrzehntefrüher einsetzende ethnographische Forschungstätigkeit während derzweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sich zu institutionalisieren. Die-ser Etablierungsprozeß der Disziplin war bekanntlich von charakte-ristischen Unterschieden zwischen der westlichen und der östlichenHälfte Europas geprägt. In Westeuropa- vor allem in England, Frank-reich und den Niederlanden-, wo sich nationale Unabhängigkeit undEigenstaatlichkeit bereits in den Jahrhunderten des Feudalismus aus-gebildet hatten, trat vor allem das Interesse für andere Völker in denVordergrund. Das hing mit der Tatsache zusammen, daß diese Länder,wie etwa England und die Niederlande, als Kolonialmächte für eineeffiziente Regierung der von ihnen eroberten Gebiete einschlägigerKenntnisse und Fachleute bedurften. Die Völker in den GebietenEuropas östlich von Deutschland lebten dagegen nicht in National-staaten, sondern in auf dynastischer Grundlage organisierten viel-sprachigen Reichen- im osmanischen, im russischen und im Reichder Habsburger-, und in Deutschland selbst gestaltete sich die Situa-tion mit der nach Ausgang des Mittelalters allmählich fortschreiten-den politischen Zersplitterung wieder anders.