Jahrgang 
101 (1998) / N.S. 52
Einzelbild herunterladen
 
  

1998, Heft 1

Zum 101. Jahrgang der ÖZV

3

kunde also gleichzeitig um die Realisierung eines Modernisierungs-gedankens wie auch um die Inwerksetzung einer staatspolitischenReformidee. Der moderne wissenschaftliche Ansatz ging in die Rich-tung, daß ,, Die geographische Verbreitung der volksthümlichen Din-ge, Ideen, Sitten... sich durch Vergleichung überall constatierenlassen werden und wir[...] an der vielfachen Identität der naturwüch-sigen Volksäußerungen, welche über alle nationalen Grenzen hinwegreicht, ein tieferes Entwicklungsprincip als das der Nationaliät erken-nen werden müssen." Michael Haberlandt wußte sich dem staatspo-litischen Reform- und Rettungsgedanken im Umkreis des ErzherzogThronfolgers Franz Ferdinand von Österreich Este als dem hoheitli-chen Förderer seines Vereins und Museums verpflichtet: Die Aner-kennung und der Ausgleich des Gegensatzes der Nationalitäten inner-halb der Monarchie sollten die innere Befriedung und den Bestanddes Vielvölkerstaates an der Donau bewirken. Michael Haberlandt hatdas aus dem Blickwinkel seiner Institutionengründungen von Vereinund Museum so gesehen: Diese Erkenntnis( nämlich die, Übernatio-nalität bzw. der Gemeinsamkeiten von Volkskulturen) bei allen Be-obachtern des Volkes anzubahnen und zu befestigen, ist ein innigerstrebtes Ziel( im besonderen auch der gleichfalls von ihm begrün-deten) Zeitschrift, die sich volle Unbefangenheit in nationalen Dingenstrengstens zur Richtschnur nehmen wird. Wäre ein derartiges Organschon länger in Österreich wirksam gewesen,- vielleicht wäre man-ches anders in unserem Vaterlande." Die Zeitschriftenneugründungkonnte als unmittelbaren Erfolg eine Erstauflage von 1250 Exempla-ren und einen Grundstock von 880 Abonnenten aufweisen; der I.Jahrgang war bis Ende 1896 vollständig vergriffen.

Im Urteil von Leopold Schmidt, dem Neubegründer der Zeitschriftim Jahr 1947 stand ,, Das stattliche Organ der Zeitschrift für österreichi-sche Volkskunde' von vornherein auf einem äußerst tragfähigenGrund. Mit dieser Zielsetzung hat sie ihre Bedeutung im alten Österreicherreicht. Der Zusammenbruch der österreichisch- ungarischen Monarchie5 Haberlandt( wie Anm. 3), S. 1; Beitl, Klaus: 100 Jahre Verein für Volkskunde inWien: Verein Museum- Gesellschaft. In: ÖZV XLIX/ 98, 1995, S. 80-90;Ders.: 100 Jahre Verein für Volkskunde in Wien. Prolegomena zu einer Instituti-onsgeschichte. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien( MAGW) Band 125/126, 1995/96, S. 93–99; Nikitsch, Herbert: 100 Jahre Vereinfür Volkskunde in Wien( Abschlußbericht: Jubiläumsfondsprojekt der Österrei-chischen Nationalbank Nr. 5135). Als Manuskript vervielfältigt. Wien 1997, 204Seiten.