Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde102 (1999) / N.S. 53Brückner, Wolfgang: Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften

  
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Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften
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Wolfgang Brückner

ÖZV LIII/ 102

..Zeitalter des intellektuellen Tourismus. Das dürfte zwar auf diePraxis mancher kulturanthropologischer Seminarausflüge innerhalbder Volkskunde zutreffen, aber kaum auf die bei uns fast allgemeinekritische Zurückhaltung gegenüber dem Mentalitätsparadigma.

Die französische Mentalitätsforschung hat nämlich zumindest inihren Anfängen ganz und gar keine relativistischen Ambitionen be-sessen, sondern ist trotz aller bewußten Abkehr von den Methodender älteren Geisteswissenschaft, sprich Ideengeschichte, gerade de-ren Erkenntnishoffnungen gefolgt, nämlich auf ein Festmachenkön-nen uralter Traditionen im Erfassen von Subkulturphänomenen derlongue durée105. Genau dies glaubte auch Leopold Schmidt, der aussolchen Wissenschaftsschulen kam. Hierin war er vor einem halbenJahrhundert für uns damals Jungen altmodisch und inakzeptabel. Diemitteleuropäischen Volkskundler meiner Generation haben darumspäter das uns gar nicht so neu vorkommende Mentalitätsparadigmader Franzosen beargwöhnt, weil es uns allzu verwandt schien mit derahistorisch konstruierten Kontinuitätsvorstellung der germanomani-schen Mythologen 106. Sobald sich Mentalitätsforschungen allerdingswie bei Robert Muschembled mit dem marxistischen Klassenkampf-modell verbanden, war die mythenanfällige 68er- Generation, vorallem außerhalb der Volkskunde, schnell damit einverstanden. Hierhat der damals postulierte zeitlose Antagonismus von Volks- undElitenkultur zu einer Geschichtsanthropologie geführt, wie sie z.B.arg spekulativ auf speziellen Feldern der alten Volkskunde heute beigewissen Historikern in Saarbrücken und Wien betrieben wird 107.

Der ,, Abschied vom Volksleben öffnete 1970 die Köpfe für eineschnellere Rezeption der außerdeutschen Erfindung von sogenannter,, Volkskultur"( popular culture, culture populaire) als angeblich ple-bejischem Grundsubstrat der menschlichen Gesellschaft. Deshalbfinden sich die meisten der, Abschiedler" seit ein paar Jahren imEditorial- board der Böhlau- Zeitschrift ,, Historische Anthropologie"

Rezensionen in der FAZ, deren Beleg mir abhanden gekommen ist.

105 Hüttl, Ludwig: Das Verhältnis von Ereignis- Gesellschafts- und Strukturge-schichte. Dargestellt am Modell der französischen Annales. In: Z. f. bayer.Landesgesch. 41( 1978), S. 1039-1096.

106 Brückner, Wolfgang: Popular Culture. Konstrukt, Interpretament, Realität. An-fragen zur historischen Methodologie und Theorienbildung aus der Sicht dermitteleuropäischen Forschung. In: Ethnologia Europaea 14( 1984), S. 14–24.107 Z.B. Dülmen, Richard van: Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit. 3 Bde.München 1990-1994.