Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde102 (1999) / N.S. 53Brückner, Wolfgang: Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften

  
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Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften
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1999, Heft 4

Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften

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1928 programmatisch in die Volkskunde eingebrachte funktionalisti-sche Betrachtungsweise für die neue Theorienbildung im Fach aus-schlaggebend. Hier ließe sich heute für uns nahtlos Niklas Luhmannssoziologische Systemtheorie einbringen, die seit Jahrzehnten gegenJürgen Habermas dogmatischen Moralismus steht, der im einst hege-monial auftretenden volkskundlichen Diskurs um die Wortführer-schaft in der ,, Deutschen Gesellschaft für Volkskunde allein zitier-fähig schien. Themen der in Deutschland einst blühenden Religions-soziologie kamen dabei in der akademischen Öffentlichkeit so gutwie nicht mehr vor. Sie hätten aber erfolgversprechend bemüht wer-den können, weil, wie wir gesehen haben, die pastoral und konfessio-nell bestimmte ,, religiöse Volkskunde den Arbeitsbegriff der ,, über-lieferten Ordnungen vorgeprägt hatte.

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Die Frage nach der Funktion nämlich setzt anders als bisweilenbehauptet wird eine Phänomenbeschreibung samt Innensicht derAkteure voraus, also von außen die Wahrnehmung des Fremden, d.h.die Erkenntnis von Alterität, wie man das heute neudeutsch nennt.Das aber führt zum Kulturrelativismus und zur Kritik der ethnozen-trischen Vorurteilsbefangenheit. Damit allerdings steht für philoso-phische Objektivisten der Wahrheitsbegriff zur Disposition. Dochsein scientistischer Gebrauch ist von Foucault ebenfalls als ein kul-turelles Phänomen der wissenschaftlichen Moderne beschrieben wor-den, wie wir noch sehen werden.

Dazu paẞt die gegenwärtige heftige deutsche Kritik an dem ame-rikanischen Philosophen Richard Rorty, der verkündet, selbst Er-kenntnistheorie könne höchstens eine Beschreibung menschlichenVerhaltens sein 103. Müssen also auch wir uns den Schuh anziehen: wirhätten in ,, funktionalistischer Reduktion ältere oder subkulturelle,eben fremde Glaubenswelten lediglich zu Objekten analytischer Be-trachtung für die Sinnbildungsproduktion des Menschen gemacht?Dies setzt der von mir hochgeschätzte katholische Theologe undAdorno- Schüler Eckhard Nordhofen gleich mit dem ,, französischenMentalismus der Annales- Schule, wo Historismus und Exotismus,, durch den Plural der anderen Lebensformen jegliche generelleErkenntnishoffnungen relativierten 104. Deshalb befänden wir uns im

103 Rorty, Richard: Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie. Frankfurt amMain 1987. Ders.: Hoffnung statt Erkenntnis. Eine Einführung in die pragma-tische Philosophie. Wien 1994.

104 Nordhofen, Eckhard, zitiert aus einem seiner kulturkritischen Beiträge oder