Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde102 (1999) / N.S. 53Brückner, Wolfgang: Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften

  
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Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften
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1999, Heft 4

Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften

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sicheren Todesurteil gleich. Außerhalb der damaligen Zivilisationgestellt, gab es keine Überlebens- Alternativen mehr.

Martin Scharfe hat kürzlich in einem Wiener Vortrag über ,, Wissenals kulturelle Praxis" das Phänomen des ,, Unbewußten für unserenZusammenhang gestreift unter der Überschrift: Im Anfang ist dieTat". Dieses abgewandelte Zitat bestätigt die Bedeutung derSchmidtschen Unbewußtheit von Traditionsweitergabe, denn vielesim Leben ,, erfolge nicht auf bewußtem Reflexionsniveau, sonderndurch Tun, Tat, tradiertes Ritual. Was nicht sagbar ist, kann doch getanwerden. In der Tat des Rituals, des Brauchs wird Unbewußtes Kultur.So gesehen ist der Schlußsatz von Freuds, Totem und Tabu':, ImAnfang war die Tat', der sich natürlich auf die neue Bibelverdeut-schung Goethe- Fausts bezieht, ein eminent volkskundlicher Satz, einSatz, der die Vorgängigkeit des Tuns und die Nachgängigkeit derreflektierenden Sinngebung betont. Die Volkskunde habe es aller-dings versäumt, den heute abgelehnten Begriff des Prälogischen vonLevy- Bruhl durch den des Unbewußten von Freud zu ersetzen unddamit ,, eine Theorie des kulturellen Tuns weiterzuentwickeln" 75.

Clifford Geertz, der z.Z. in der Welt herumgereichte amerikanischeKulturanthropologe hat in einem seiner Wiener Vorträge 1995 mitdem Titel ,, Was ist eine Kultur, wenn sie kein Konsens ist?" formu-liert: ,, Obwohl Fragen der kulturellen Ordnung der Welt doch eigent-lich in das Gebiet der Ethnologie fallen, hat sie sich mit ihnen immerschwer getan". Und für die Gegenwartssituation vermeintlich isolier-ter Gesellschaften schreibt er: ,, Je mehr wir uns den Fragmentierun-gen und Fragmenten der heutigen Welt zuwenden, desto wenigerscheinen territoriale Kompaktheit und lokale Traditionalismen unddie von ihnen genährte konfigurationale Vorstellung, daß kulturelleIdentität etwas Ganzheitliches und in sich Stimmiges sei, das Wesent-liche zu treffen". In Europa ist uns das alles durch Ernst Cassirers,, Logik der Kulturwissenschaft( 1942) bekannt, ein Buch, das inDeutschland seit 1961 immer wieder neu aufgelegt wurde".

75 Scharfe, Martin: Wissen als kulturelle Praxis. Vortrag vom 8. Nov. 1997 in Wien( Ms. S. 16).

76 Geertz, Clifford: Welt in Stücken. Kultur und Politik am Ende des 20. Jahrhun-derts. Wien 1996, S. 71 u. 74.

77 Cassirer, Ernst: Zur Logik der Kulturwissenschaften( 1942). Darmstadt 1961,+1980.