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Wolfgang Brückner
ÖZV LIII/ 102
Selbstverständnis einer neuen Volkskunde verwendet64. LeopoldSchmidt hatte darin die ältere antiquarische Reliktforschung, diegesellschaftskritische Gemeinschaftsideologie, die wiederaufge-wärmte Ethnisierung in Stammes-, Völker- und Rassenwahn sowiejede Art von Volksseelenkonstruktion hinter sich gelassen und durftezurecht eine ,, neue Sachlichkeit“ für seine theoretischen Bemühun-gen in Anspruch nehmen65.
Dann aber haben weitere dreißig Jahre lang nur noch wenige imFach jenes Diktum richtig, nämlich in der ganz allgemeinen sozial-wissenschaftlichen Bedeutung zitiert, daß sich in jeder menschlichenVergesellschaftung mehr oder weniger feste Regeln des Zusammen-lebens entwickeln, die wir Ordnungen nennen. Nach 1968 galt dasvom Standpunkt einer alles neu ordnen wollenden Ideologie desgesellschaftlichen Fortschritts aus für kontraproduktiv zur„, kriti-schen Theorie" des westdeutschen akademischen Neomarxismus.Ordnungen wahrnehmen, das schien mithin im Klassenkampf dersogenannten ,, antagonistischen Gesellschaft“ eine bürgerliche Ver-schleierungstaktik der wirklichen historischen Verhältnisse. So liestsich die Kritik heute noch bei einem Teil von Schmidts universitärenNachfahren in Wien. Sie bringen in die neuere Fachgeschichte aberlediglich Meinungen ein, die einen von 1970-1990 in der akademi-schen Öffentlichkeit erfolgreich gewesenen deutschen Volkskunde-Diskurs fortzusetzen suchen, der einst mit Herrschaftsanspruch fest-gelegt hatte, was beim Gebrauch des Begriffs Ordnungen zu assozi-ieren sei, nämlich prä- oder postfaschistische Gesinnungen.
Die Wiener Autoren stehen in einer wissenschaftpolitischen Tradi-tion, die heute meist vorsichtiger oder indirekter insinuiert ,,, überlie-ferte Ordnungen" seien das Feld folkloristischer Traditionspflege undderen naiv- ahistorischem Verständnis bloßer Kulturstile❝7. Wer heute
64 Brückner, Wolfgang: ,, L'ordre du discours“. Zum Gedenken an LeopoldSchmidt. In: Bayer. Bll. f. Vkde. 25( 1998) H. 1, S. 41-50.
65 Ebd., S. 49 f.
66 Liesenfeld, Gertraud, Herbert Nikitsch: Neubeginn und verfehlte Sachlichkeit.Zur Volkskunde Leopold Schmidts. In: Jacobeit, Wolfgang, Hannjost Lixfeld,Olaf Bockhorn( Hg.): Völkische Wissenschaft. Gestalten und Tendenzen derdeutschen und österreichischen Volkskunde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhun-derts. Wien u.a. 1994, S. 603-616.
67 So z.B. Welz, Gisela: Inszenierungen kultureller Vielfalt.(= Zeithorizonte 5). Berlin1996, die in fremde Zitate hineininterpretiert, was ihr paßt, etwa, daß ich die Nähedes Forschers zur„, bäuerlichen Kultur" postuliert hätte, während ich genau das