1999, Heft 4
Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften
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tige Walten Gottes, des Herrn der Welt, dauernd zur Schaffung undErfüllung von Lebensformen treibt".
4. ,, Leben in überlieferten Ordnungen"
Zündende Begriffsbildungen pflegen in den Wissenschaften Schlag-worte zu werden, die sich verselbständigen und meist über die engenGrenzen der jeweiligen Disziplin ausbreiten, ohne den ursprüngli-chen Argumentationszusammenhang, seine tiefer liegende Herkunftund fachinterne Bedeutung mitzutransportieren. Die Gefahr der fal-schen Assoziationen liegt in einer Kultur nahe, die in ihrem Bewußt-sein und in ihrer Gegenwartspraxis ganz und gar auf den Errungen-schaften der modernen Naturbewältigung beruht und von daher wis-senschaftsgläubig geworden ist. Der eingangs kritisch zitierte HerbertMarcuse sollte hier zustimmend erwähnt werden mit seiner Analysedes eindimensionalen Menschen und dessen partikularistischem Ver-nunftbegriff allein technologischer Rationalität 62. So denkt der nor-male Schulabgänger bei ,, Ordnungen“ etwa an das chemische Systemder Elemente, wie wir das im Naturkundeunterricht lernen müssen.Das aber suggeriert, Ordnungen seien etwas Festgefügtes, Naturge-gebenes, Unveränderliches, Geschichtsloses. Genau dies unterstellengewisse Kritiker bestimmter Ordnungen dem generellen Gebrauchdes Ordnungsbegriffs in den Kultur- und Sozialwissenschaften.
Schon das verkürzende Zitat vom ,, Leben in überlieferten Ordnun-gen" setzt das Gemeinte verfälschenden Assoziationen aus. Die For-mulierung lautet vollständig, Volkskunde sei die ,, Wissenschaft vomfunktionellen Aufbau des Lebens in überlieferten Ordnungen“. Derviel zitierte Satz geht auf Josef Weigerts ,, Leben in überlieferter Sitte"1925, zurück und stammt von dem Wiener Gelehrten LeopoldSchmidt aus dem Jahre 194763. Er wurde nach den nationalsozialisti-schen Verstrickungen des Faches als ,, erlösendes Wort“( so HannsKoren) empfunden und darum von da ab zwanzig Jahre lang als
61 Ebd., S. 203.
62 Marcuse, Herbert: Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie derfortgeschrittenen Industriegesellschaft. Neuwied 1967 u. Sonderausgabe in denSoziologischen Texten 40. Neuwied 1970( engl. Boston 1964).
63 Schmidt, Leopold: Die Volkskunde als Geisteswissenschaft( 1947). In: Gedenk-schrift für Leopold Schmidt( 1912–1981) zum 70. Geburtstag.(= Buchreihe derÖster. Z. f. Vkde. NS 4). Wien 1982, S. 26-57, hier S. 30 f., 38, 40.