Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde102 (1999) / N.S. 53Brückner, Wolfgang: Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften
Einzelbild herunterladen
 

1999, Heft 4

Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften

473

Weigert findet sich im Kapitel ,, Die Eigenart der bäuerlichen Reli-giosität und Sittlichkeit der Abschnitt 3 überschrieben: ,, Das Lebenin überlieferter Sitte" 3. Dort schreibt er vom Unterschied zwischenStadt und Land und den Schwierigkeiten junger Familien ,, verabre-deterweise", also bewußt und überlegt, zu einer gemeinsamen For-mung des religiösen Alltags zu kommen. Auf dem Lande gehe das,, Leben einfach weiter. Es ist nur ein neues Glied ins Haus eingetre-ten, die Lebensordnung ist die gleiche wie früher. Das ist die Machtder Sitte" 54. Wir sehen daraus, daß es hier um einen Funktionsbegriffging und nicht um göttliche Dauer- Ordnungen, wie in unseren Jahr-zehnten gerne pauschal behauptet wird.

Gleichwohl bleibt ein gewichtiges ideologisches Element festzu-halten. Der evangelisch- lutherische Theologe und Publizist WalterAllgaier hat das in unseren Tagen unter dem provokanten Titel ,, Dassüße Gift der Religion für die Demokratieaversion damaliger Ge-sellschaftstheoretiker wie folgt formuliert: ,, Es galt also, den moder-nen Pluralismus durch neue Homogenität zu überwinden. Theologenwie Juristen suchten in Gestalt des Volkstums eine überpositive'Ordnung, die den Individualismus des bürgerlich- liberalen Geistesüberwinden sollte. Mit Hilfe der religiösen Tradition konnte man soIndividuum und Gemeinschaft gleichschalten. Die Demokratie wardesavouiert 55. Die genannte, überpositive" Bestimmung des Be-griffs kommt im vorliegenden historischen Zusammenhang der 20erund 30er Jahre unseres Jahrhunderts in der zitierten Metaphorik desHeiligen zum Ausdruck. Dies war schließlich nicht auf den Raum desReligiösen beschränkt, sondern betraf zugleich dessen säkularisiertesÄquivalenzfeld: das der moralisch gedachten Ästhetik. Literaturwissen-schaftler und Politologen entdecken heute bei George, Brecht, Grass,Frisch, Wolf und Rühmkorf ,, die Sehnsucht nach einer Verbindlichkeitvon Kunst, die jener der Religion in der vormodernen Ordnung ent-sprechen sollte. ,, Der Staat soll eine Schule sein." ,, Bis weit ins 20.Jahrhundert verwischen politische Romantiker Gesinnung und Insti-

53 Weigert, Joseph: Religiöse Volkskunde. Ein Versuch.(= Hirt und Herde. Beiträgezu zeitgemäßer Seelsorge). Freiburg/ Br. 31925, S. 20-24.

54 Ebd., S. 20.- Weigert hat in der FS für Christian Frank ,, Heimatarbeit undHeimatforschung", München 1927, S. 189–192, nochmals ,, Religion und Sitte"zusammengefaßt.

55 Allgaier, Walter: Killerviren der Demokratie. Das süße Gift der Religion. In:Politische Studien 49( 1998) H. 357, S. 20-30, hier, S. 23.