Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde102 (1999) / N.S. 53Brückner, Wolfgang: Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften

  
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Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften
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1999, Heft 4

Ordnungsdiskurse in den Kulturwissenschaften

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müssen, aber wenigstens mit den Hosen dabeigewesen zu sein.Edelcord und sehr teure Pullover sorgten dann noch zwei Jahrzehntelang für die Bourdieuschen Distinktionen unter der sonstigen Masseakademischer Parka- und Jeansträger. Das waren die neuen Kleider-ordnungen und ihr ,, Fetischcharakter des Äußerlichen" 20.

Unter Volkskundlern gab es später mit westöstlichem Kulturgefälleöffentliche Kleiderzeichen oder Gesinnungsmoden in Wien, nämlichden Volkskunde- Professor mit Latzhose als Möchtegernarbeiter ver-kleidet. Er hat sie gewiß nicht zur Gastprofessur mit nach Ost- Berlingenommen, sondern sich selbstverständlich dortigen Ordnungen ge-fügt. Ich schließe das aus eigener Erfahrung als Mitglied einer Frank-furter Studentendelegation des Jahres 1955 zu den Schiller- Feiern inOst- Berlin mit Festvortrag von Ernst Bloch und Einquartierung in der,, Arbeiter- und Bauernfakultät der Humboldt- Universität²¹. Das warso etwas wie ein sozialistisches College. Wir Westler trugen damalsnur Cordhosen. Sie stammten von den ländlichen Arbeitshosen mei-ner Groẞväter- Generation ab, in Hessen ,, Manchestern" geheißen.Unsere Vorstellung von antibürgerlichem Habitus bei Kommunistenstimmte aber nicht mit der Wirklichkeit überein. Ihr offizielles Klei-dungsverhalten( mit Hüten und Krawatten z.B.) entsprach eher derAusstattung der Moskauer U- Bahn aus eben jener stalinistischenEpoche.

Das heißt: es gab selbstverständlich Ordnungsvorstellungen undfestgefügte Verhaltensregeln für die Kaste der Dazugehörigen. Adowar eine Abkürzung für ,, Antifaschistisch- demokratische Ordnungder DDR gegenüber der, Freiheitlich- demokratischen Grundord-nung" der Bundesrepublik. Zugleich aber gab es, davon weit abge-hoben, die erlaubte Selbststilisierung für Vorzeigemenschen, z.B. desmillionenschweren Bertold Brecht( 1898-1956) als ,, armer BB", wieihn Max Frisch trefflich beschrieben hat23. Doch seine Hemden des20 Schlechte, Monika: Nachwort III ,, Mode" und Geschmacksästhetik. In: JuliusBernhard von Rohr: Einleitung in die Ceremonial- Wissenschaft der GroßenHerren. Berlin 1733, hgg. u. kommentiert. Leipzig 1990, S. 27.- Brückner,Wolfgang: Luxus, Mode und Moderne als Kontext von Volkstracht. In: ThüringerHefte f. Vkde. 3( 1995), S. 7-22.- Ders.: Mode. In: Enzyklopädie des MärchensIX, Lfg. 2, 1998, Sp. 744-746( Lit.!).

21 Brückner, Wolfgang: Volkskundler 1954/55 zu Besuch in Ost- Berlin. In: Bayer.Bll. f. Vkde. 25( 1998) H. 4, S. 211-226, hier S. 224 ff.

22 Brockhaus Enzyklopädie. 20. Aufl. I, 1996, S. 662.

23 Frisch, Max: Die Tagebücher 1946-1949/ 1966-1971. Frankfurt am Main 1983,