1999, Heft 3
Kruzifix mit Blitzableiter
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auch sein, daß die Problematik seiner illegalen Liebe zu Anna Plochlsich lebensgeschichtlich- zeichenhaften Ausdruck suchte44.
Das Kruzifix auf dem Erzberg drückt also keineswegs nur einenAppell an andere aus, es ist nicht nur, Anker' für die Gebirgsbewohner;es ist gleichzeitig auch Abbitte und damit, Anker' für den Stifter.Angesichts solcher verknäulter und verknoteter Affektlagen müßte eseinen dann nicht wundern, wenn das Anlitz Christi besonders süß geratenwäre; und es muß uns nicht verwundern, daß es dann tatsächlich beson-ders häßlich ausgefallen ist: wie wenn das zur Fratze entstellte Antlitzdes Erlösers nur exakte Widerspiegelung des wider Willen brüchigwerdenden Glaubens des Kreuzstifters und seiner Klasse wäre.
Doch darf aller Versuch subjektiver Motivergründung nicht ver-decken, daß die Affekt- und Stimmungslage eine Angelegenheit derEpoche und ihrer Strebungen ist, die mit ihrer, kaltblütigen Neugier',mit ihren obszönen wissenschaftlichen Vorstößen erneut den altenPrometheus- Frevel wagte- und wußte, was sie tat. Sie wußte, sageich, daß sie zu Gott in Konkurrenz trat. Deshalb sind die Kreuze,welche sie nun auf die Berge pflanzte, trotz gleichen Aussehens ganzandere als diejenigen, welche alte Andachts- und Wallfahrtsfrömmig-keit auf die Höhen gestellt hatte: die neuen Kreuze waren sozusagen, Sühnekreuze' oder vielleicht, um einen Ausdruck Leopold Schmidtsabzuwandeln, Gebärden schlechten Gewissens45. Das Kreuz, das derKlagenfurter Fürstbischof Franz von Salm- Reifferscheidt 1799 aufden Kleinglockner( den man zunächst irrtümlich für den Großglock-ner hielt) setzen ließ, könnte das erste Kreuz dieser neuen Generationgewesen sein, im Sommer 1800 folgte der Großglockner( beideGipfelkreuze waren übrigens, wohl als erste, schon mit Blitzableiter44 Auf diesen Zusammenhang weist der Brauch Johanns, seine Briefe an AnnaPlochl mit dem Zeichen des auf dem Berg stehenden Kreuzes zu bezeichnen:.Vgl. Schubert, Karl Leopold: Erzherzog Johann und der Bergbau( wie Anm. 5),S. 48. Am 1. Oktober 1823 führte Johann ,, das Mädchen" auf den Erzberg ,, bisauf den Gipfel zu dem Kreutze“, wo ,, im ernsten Gespräche die guten Vorsätzeerneuert" wurden, wie er in seiner Autobiographie notiert hat. Matthäus Loderhielt die Szene- für Johann wohl eine Schlüsselszene- im Aquarell fest. Erz-herzog Johann von Österreich: Der Brandhofer und seine Hausfrau. 3. Aufl.,bearb. von Walter Koschatzky. Graz, Wien 1978, S. 141( ebd. auch eine Repro-duktion des Loder- Aquarells).
45 Schmidt sprach von, Tagen des schlechten Gewissens'. Vgl. Schmidt, Leopold:Brauch ohne Glaube. Die öffentlichen Bildgebärden im Wandel der Interpreta-tionen. In: ders.: Volksglaube und Volksbrauch. Gestalten. Gebilde. Gebärden.Berlin 1966, S. 289–312, 383-388; hier: S. 295.