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Martin Scharfe
ÖZV LIII/ 102
muß nur die Sprache der Berg- Berichte ernst nehmen: zu oft ist dieRede vom, Altar', vom Tempel', von der, Werkstätte der Natur', inwelcher man dem höchsten Wesen' auf die Finger sehen kann; zu oftwird gesagt, so nah sei man dem, Weltenschöpfer noch nie gewesen.Die frühen Alpinisten, wußten also, daß sie mit ihrer WissenschaftGott ins Gehege kamen, daß sie mit ihrer Neugierde Entgottungbetrieben; und vielleicht darf man ja sogar Hanns Korens auf denErzherzog bezügliche Formel ,, Wissenschaft und Gewissen 40- siemeinte natürlich gewissenhafte Wissenschaftsübung – umdeuten indem Sinne, daß das neue Wissen doch nicht ohne Gewissensbisse zuhaben gewesen sei". Es mußte vielleicht kein allzugroßer Anstoßhinzutreten, damit die Ambivalenz der unbewußten Empfindungennicht mehr Ausdruck in Vermessungspfählen, Säulen und Pyramidenfand, sondern in einem anderen ,, neuen Symbol- eben dem Kreuz-,das freilich die Zwiespältigkeit genauso als Eindeutigkeit ausgab, wiedas vorher bei jenen weltlichen Siegeszeichen der Fall gewesen war.Es mag auch sein, daß für Johann nach dem Erwerb seines Erzberg-anteils der Ausbeutungsaspekt stärker sich vordrängte( der, so grau-senvoll durchwühlte Schooß dieses Berges'!) und ihm das monumen-tale, eiserne( also auch, stoffheilige', mit Leopold Schmidt zu reden42)Kruzifix als Opfer für den geplünderten Berg aufzwang43; und es mag
nämlich anläßlich der Analyse von de Sades, Juliette'. Horkheimer, Max, Theo-dor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Amster-dam 1947, S. 116.
40 Koren, Hanns: Erzherzog Johann und die Wissenschaft( Ansprache 1977). In:Koren, Hanns: Gesamtausgabe. Hg. von Johannes Koren. Bd. 1: Reden. Graz1996, S. 570-577; hier: S. 575.
41 Eine eigenartige Anmerkung zur Verletzung des Berges findet sich im Berichtvon der Erstersteigung des Kleinglockners im Jahre 1799. Da bei der Veranke-rung des Gipfelkreuzes ,, der Scheitel des Glokners durchbohrt werden mußte, sowar die Operation einer Trepanirung vollkommen ähnlich“. Tagebuch einer Reiseauf den bis dahin unerstiegenen Berg Gross- Glokner an den Gränzen Kärntens,Salzburgs und Tirols im Jahre 1799. In: Karl Erenbert Freyherr von Moll( Hg.):Jahrbücher der Berg- und Hüttenkunde. 4. Band. Salzburg 1800, S. 161-224;hier: S. 211.
42 Vgl. Schmidt, Leopold: Heiliges Blei in Amuletten, Votiven und anderen Gegen-ständen des Volksglaubens in Europa und im Orient Glossar ::: zum Glossareintrag Orient. Wien 1958; den BegriffStoffheiligkeit hatte Schmidt 1948 erstmals verwandt.
43 Fast immer wird übersehen, daß der Bergmann ausbeutet, raubt, zerstört. Nichtzuletzt auch diese programmatische Unterminierung der Natur macht besondersaufwendige rituelle Vor- und Nachkehrungen notwendig.