Jahrgang 
102 (1999) / N.S. 53
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Chronik der Volkskunde

ÖZV LIII/ 102

rettprogramm erwies sich rückblickend als eine hervorragende Ergänzungder wissenschaftlichen Tagung.

Wie der erste Tag begann auch der zweite mit einer sehr weiten Perspek-tive. Andrea Komlosy bot eine Synopse der historischen Entwicklung vonGrenzen. Sie betonte, daß es sich bei Grenzen um Kontaktzonen handelt,die tote Grenze des Eisernen Vorhangs stellt einen der Ausnahmefälle dar.Komlosys Ausführungen über den Funktionswandel der Grenzen in denösterreichischen und böhmischen Ländern der Monarchie regten zum Ver-gleich mit gegenwärtigen Tendenzen an. Indem sie auf die ungleiche Frei-zügigkeit des Personenverkehrs in der Monarchie hinwies, rief sie NoraRäthzels These von der Spaltung der sozialen Gruppen und der Vervielfäl-tigung der Grenzen im ,, Schengenland" in Erinnerung. Das Konzept derlinearen Außengrenze, entstanden im Zuge der Entwicklung des modernenFlächenstaates, ist zur Zeit wieder starkem Wandel unterworfen.

Krzysztof Glass beschrieb die jüngste Entwicklung Ost- Mitteleuropas;sie sei von ,, westlastigen Wertungen und einer Anpassung an die EUbestimmt. Gleichzeitig würde die neue Konsumgesellschaft in den Reform-staaten asoziale Haltungen begünstigen. Die einzigen Gegenkräfte gegendie westkonforme Osterweiterung seien konservativ Klerikale. Éva Vargauntersuchte die Wandlungen der ungarischen Grenze mit einer biographi-schen Methode. Sie setzte sich in ihrem Vortrag auch intensiv mit methodi-schen Fragen auseinander.

Der Nachmittag begann mit der Vorführung eines Filmprojekts der Euro-päischen Journalismusakademie in Krems. Das Video ,, Leben mit der Gren-ze" mußte leider auf Grund eines technischen Gebrechens ohne Ton gezeigtwerden. In der Folge wurden laufende Forschungsprojekte präsentiert. DieStruktur des Nachmittags war von der Gegenüberstellung von Expertenmei-nungen aus Österreich und unseren östlichen Nachbarländern geprägt. Vor-bildlich an den aufgezeigten aktuellen Forschungsvorhaben sind die inno-vativen Methoden, die internationale Zusammenarbeit und das Bestreben,Ergebnisse in die Grenzregion zurückzutragen. Martin Heintel und ÉvaIzsák arbeiten mit Methoden der Perzeptionsgeographie, Karin Liebhart mitMedienanalyse( Niederösterreichische Nachrichten und Burgenland Kro-ne). Helga Amesberger untersucht die soziale Dynamik im GrenzraumÖsterreich- Slowakei mit qualitativen Interviews. Wie Liebhart und Ames-berger widmen sich auch Daniel Kollár und Milan Lešcák der Stereotypen-forschung. Während der gesamten Tagung wurde durch regelmäßige Podi-umsdiskussionen eine Zusammenschau der unterschiedlichen Ansätze er-möglicht.

Der im Tagungsprogramm geäußerte Wunsch nach einer Diskussion,, abseits der tagespolitischen Aufgeregtheit um vermeintliche Gefahren