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Peter F. N. Hörz
ÖZV LIII/ 102
scher Hinsicht ist die ,, Weltgesellschaft“ schon Realität. Der Bezugauf räumliche Aspekte wird in diesem Zusammenhang problema-tisch- ,, der Makrohorizont der Raumbezogenheit sozialen Handelns( wird) unbestimmter". 48 Diese Erkenntnis jedoch verleiht der Fragenach dem ,, psychologischen Füllstoff" des Territoriums, welches das,, neue Europa" werden soll, nur noch zusätzliche Brisanz. WelcheIdentität soll die Menschen und damit die Territorien zwischen Lapp-land Glossar ::: zum Glossareintrag land und Sizilien, zwischen Atlantik und Oder- Neiße- Linie oderbesser, noch darüber hinaus- füllen? Die Akzentuierung der EU alsein ,, Markt- Europa" alleine kann auf die Dauer die einzige Sinnstif-tung nicht sein, sind es doch gerade die Sinndefizite im Hinblick aufden europäischen Gedanken, welche für die Beharrung breiterSchichten auf den Grenzen innerhalb Europas verantwortlich sind.
Das gemeinsame Haus“ besteht bislang aus einem Zusammen-schluß noch immer stark ethnisch und national definierter territorialerHerrschaftseinheiten, der stets ein bißchen an das verblichene Habs-burgerreich, die zerbröselte Sowjetunion und das geborstene Jugosla-wien gemahnt. Freilich lassen sich diese politischen Systeme schwer-lich mit den Strukturen innerhalb der EU vergleichen, doch ist ihnenallen gemeinsam, daß sie die Kategorie des Ethnischen gegenübereiner ,, höheren Idee“ hintangestellt haben. Und, das lehrt uns dieGeschichte, je weniger diese Ideen im kollektiven Bewußtsein ver-ankert waren, je weniger Vorteile die Individuen aus diesen Ideenziehen zu können glaubten, desto stärker wurde schließlich wiederdie Orientierung an ethnischen und nationalen Leitbildern. Daß dasmultikulturelle Habsburger- Imperium im Blutbad des Ersten Welt-kriegs unterging, daß in den poststalinistischen Staaten heute überallder Nationalismus blüht und Pogrome gegen ethnische Minderheitenabgehalten werden, liegt vor allem darin begründet, daß sich diezusammenhaltstiftenden ,, höheren Ideen“ in der Praxis vielfach als
48 Konau, Elisabeth: Raum und soziales Handeln. Studien zu einer vernachlässigtenDimension soziologischer Theoriebildung(= Göttinger Abhandlungen zur So-ziologie 25). Stuttgart 1977, S. 9.
49 Hierbei ist freilich zu bedenken, daß Europa aus der Perspektive unterschiedli-cher sozialer Schichten und vor dem Hintergrund unterschiedlicher Bildungs-niveaus stark divergierend wahrgenommen und beurteilt wird. Während dietendenziell höher gebildeten Gruppen mit höheren Einkommen vor allem dieChancen und Vorteile der Union akzentuieren, fürchten die einkommensschwä-cheren und eher weniger ausgebildeten Gruppen in erster Linie Bedrohungendurch die Integrationspolitik.