Aufsatz in einer Zeitschrift 
Über Grenzen : ein volkskundlich-soziologischer Grenzumgang im „europäischen Haus“
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1999, Heft 1

Über Grenzen

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Grenzen fallen, formieren sich die Gegner, muß der größte ,, Wirt-schaftsraum der Welt eilig zum ,, Europa der Regionen umgedeutet,der grenzenlose Raum erneut zerstückelt werden.

In Ost und West proklamieren die Völker wieder verstärkt ihrekulturellen Eigenarten. Doch, was uns vordergründig so bunt- pitto-resk erscheinen will, hat seine grausige Kehrseite in der Ausbildungneuer Mauern, in der Ausgrenzung des als ,, fremd" Definierten. Mitder Wende zum Konservativismus, während und seit der Zeit desThatcherismus sind ethnisch orientierte Gesellschafts- und Weltdeu-tungsmuster populär geworden. An die Stelle gesellschaftskritischerAnsätze treten weltweit zunehmend biologistische Modelle. Zwarargumentiert der bürgerliche Mainstream durchaus nicht rassistischim Sinne der nationalsozialistischen Ideologie, doch ist an die Stellegenetischer Argumentationslinien jene von der ,, Unvereinbarkeit derKulturen" getreten.44 Die kulturellen Unterschiede werden zur Be-gründung sozialer Ungleichheiten herangezogen. Sie sollen dieTrennlinien zwischen reichen und armen Völkern, zwischen wohlha-benden Einheimischen und mittellosen Immigranten legitimieren.Die Freude am kulturellen Anderssein der anderen, das unsere Fern-reisen so reizvoll macht, und das wir auf den Folkloreshows beklat-schen, hat in unserem von verschärften Verteilungskämpfen gepräg-ten Alltag seine widerliche Fratze.

Selbstverständlich hätten auch Türken ein Recht auf Heimat,äußerte unlängst Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber, umschließlich hinzuzufügen:, aber doch bitte in Anatolien. ,, Kulturund Boden" lautet die Formel mit der man die Konflikte der Gegen-wart zu bannen trachtet, mit der man den ,, Asylantenströmen Däm-me entgegensetzen will und mit der man die Angst vor Globalisierungund Vernetzung zu verdrängen trachtet. Am Ende des 20. Jahrhun-derts wähnen sich die westlichen Industrienationen im ,, Belagerungs-zustand", fürchten um den Bestand ihres Selbstbildes und Selbstbe-wußtseins durch die Internationalisierung. Die Emotionalität, mitwelcher in Deutschland etwa der Verlust der D- Mark im Zusammen-hang mit der europäischen Währungsunion beklagt wird, macht dieseindrucksvoll deutlich.

Einmal mehr wird in Europa aber auch ,, ethnisch gesäubert", undeinmal mehr dienen ethnisch- nationalkulturelle Kategorien für dieneuen Grenzziehungen als Folie. In allen Bereichen der Warenästhe-44 Vgl. Kaschuba( wie Anm. 35), S. 22.