1999, Heft 1
Über Grenzen
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trennen kann, was wir mit dem Begriff ,, Völker“ meinen, weil dieGrenzlinie mit den Siedlungsstrukturen nie vollständig übereinstimmt,verbleiben nach jeder Grenzziehung ,, diesseits“ und„ jenseits“ ethni-sche Minderheiten auf dem jeweils ,, fremden" Territorium.
Und eben die Kategorie der Ethnie bestimmte im Verlauf derModerne( vor allem in Deutschland) wesentlich die Vorstellung vonNationen und deren Grenzen: Anders als etwa Frankreich oder Eng-land, deren Staatenbildung sich innerhalb relativ klar gezogenerGrenzen hatte vollziehen können und deren nationale Kohäsionskraftvor allem zivil und politisch bestimmt war( territoriale Nationen),bedurfte es innerhalb der ethnischen Nation Deutschland über langeZeiträume hinweg stets einer kulturellen Substitution der fehlendeneinheitlichen Souveränität. 30 In Deutschland fallen ,, zu keinem Zeit-punkt(...) Volk, Nation, Territorium und Staat so zusammen, wie wires von der Geschichte Frankreichs oder Englands kennen“, so daßseit dem Zusammenbruch des römisch- deutschen Kaiserreichs vorallem sprachliche und andere kulturelle Merkmale zu einer Begrün-dung deutscher Einheit herangezogen worden sind.³2
Als Folge der nationalen Demütigung durch Napoleon, besondersaber aus der spezifischen sozialen und politischen Situation heraus,erwuchs das national- kulturelle Sendungsbewußtsein der deutschenBildungsbürger.33 In den unergründlichen Tiefen der Vergangenheit30 Zu den Definitionen territorialer und ethnischer Nationen vgl. Bader, Veit Mi-chael: Rassismus, Ethnizität, Bürgerschaft. Soziologische und philosophischeÜberlegungen. Münster 1995, S. 88.
31 Rovan, Joseph: Geschichte der Deutschen. Von ihren Ursprüngen bis heute.München- Wien 1995, S. 13( zuerst erschienen als Histoire de l'Allemagne. Dèsorigines à nos jours. Paris 1994).
32 Zum Prozeß der Staatenbildung und besonders zu den Unterschieden im Ent-wicklungsgang zwischen England, Frankreich und Deutschland vgl. auch: Elias( wie Anm. 20), Bd. II, S. 123-311.
33 Von der Teilhabe an der politischen Herrschaft ausgeschlossen, angesichts einerungeeinten, von Kleinstaaterei geprägten Nation und vor dem Hintergrundökonomischer und sozialer Wandlungsprozesse, welche als Bedrohung interpre-tiert wurden, blieb dem Bildungsbürgertum letztlich nur die Flucht in einezunächst an die Ideale der französischen Revolution anknüpfende national- libe-rale, später zunehmend national- konservative und chauvinistische Kulturkritik.Das nationale kulturelle Erbe, das, Volkstum', wurde so zu einer Defensivwaffeeiner sozialen Schicht, für die mit der Aufklärung jenes Elend begonnen hatte,welches sich in Kapitalismus, Industrialisierung und Proletarisierung, Marxis-mus und Technisierung noch steigern sollte. Zu Recht hat Max Weber daraufhingewiesen, daß die Idee der Nation nicht nur von ,, nacktem" Herrschaftsinter-