1999, Heft 1
Über Grenzen
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Aufbauend auf ethnologische Erkenntnisse hat Greverus die Grenz-ziehung als ,, eine zu erfüllende Notwendigkeit, ein( en) biologischenZwang" postuliert und das ,, Eingrenzungsbedürfnis“ des Menschenzum anthropologischen Grundgesetz erhoben.23
Die Härte der Strafen, welche die Rechtsüberlieferungen fürGrenzfrevel vorgesehen haben und der Tenor der Volksüberlieferungweisen zweifellos auf die hohe Bedeutung der Grenze in der vormo-dernen Gesellschaft hin. Es erscheint jedoch hier die Frage berechtigt,ob der quellenhistorisch nachweisbare Stellenwert der Grenzen allei-ne bereits ausreicht, um hieraus auf anthropologische Konstanten undbiologisch determinierte Verhaltensweisen zu schließen. Doch, läßtsich die Signifikanz der Grenze als der Markierung territorialerEigentümer nicht vielmehr im Kontext der prämodernen Subsistenz-wirtschaft deuten?
In einer Gesellschaft, in welcher der Besitz an Grund und Bodenallein ausschlaggebend für das Wohlstandsniveau des sozialen Zu-sammenhangs des ganzen Hauses war, kam der Ordnung der Flächenhöchste Bedeutung zu. Die materielle Abhängigkeit von landwirt-schaftlichen Produktionsflächen machte die Flurgrenze zu einemSicherheitsfaktor in einem insgesamt unsicheren Wirtschaftsprozeß.
In einem Produktionszusammenhang, in dem oftmals um jede Ähregerungen wurde, in dem eine undurchschaubare und unbeherrschbareNatur zuweilen alle Arbeit zunichte machte, bildete die Verfügungs-gewalt über den eigenen Boden einen kaum zu unterschätzendenStabilitätsfaktor.24
Ein hochwichtiger Aspekt dieser Regulative bestand in den legis-lativen Festschreibungen von unerlaubten Grenzübertretungen undBesitzstörungen und deren Sanktionierung. In seiner für die Volks-kunde wegweisenden Ortsmonographie zur württembergischen Ge-meinde Kiebingen hat Utz Jeggle auf den Zusammenhang zwischenWirtschaftsform und Grenzziehung, Eigentumsrechten und Zäunen
22 Ebd., S. 13.
23 Ähnlich auch Krockow, Christian Graf zu: Die Grenze als anthropologisches undpolitisches Problem. In: Schweizer Monatshefte 48( 1968), S. 107–121.
24 Vgl. hierzu auch: Kaschuba, Wolfgang: Lebenswelt und Kultur der unterbürger-lichen Schichten im 19. und 20. Jahrhundert(= Enzyklopädie deutscher Ge-schichte 5). München 1990, S. 7; obwohl- wie im Titel angedeutet- auf dieneuere Geschichte bezogen, erscheint das Zitat für prämoderne Zusammenhängedurchaus zutreffend.