1999, Heft 1
Über Grenzen
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internationalen Mobilität, die Teile unserer Gesellschaft auszeichnet,erregt das Überschreiten einer Grenze noch immer die Aufmerksam-keit des Reisenden. Der Grenzübertritt wird- schon der Geschwin-digkeitsbeschränkung unmittelbar vor dem Schlagbaum, der Hin-weisschilder, Wappen und Symbole wegen – bewußter wahrgenom-men, als andere Abschnitte einer Reise.
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Schon der Terminus ,, Grenze" macht betroffen. Seine Sinnbedeut-samkeit erregt unser gedankliches und emotionales ,, I,, Engagement".4Wenn jemand von Grenzen spricht, läßt dies aufhorchen, weckt diesunser Interesse, ungeachtet, ob es sich nun um Staatsgrenzen oder umGrenzen im metaphorischen Sinne handelt. Grenzen beschäftigenunsere Psyche, bestimmen wesentlich unseren Alltag und unser( wis-senschaftliches) Denken. Utopisten unterschiedlichster Provenienzforderten immer wieder in der Geschichte den Abbau von Grenzen,beklagten ihre trennende Wirkung. Jean Jacques Rousseau versuchtemit den Grenzziehungen die Ungleichheit der Menschen zu erklären,und der Anarchist Michael Bakunin definierte den ,, natürlichen Pa-triotismus“ als zu überwindende ,, tierische Tatsache". In seinemGedicht Grenzen der Menschheit brachte Goethe die Ohnmachtmenschlichen Seins zum Ausdruck. Grenzen des Wachstums lautet derTitel der deutschen Ausgabe von Meadows' eindringlicher Warnung vorden Folgen unserer Produktions- und Konsumgewohnheiten. Titel, diesignalisieren sollen, daß nicht alle Wünsche und Hoffnungen erfüll-bar, alle Wege auf Dauer gangbar seien.
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Grenzen dies zeigt schon ein erster Überblickspielen immenschlichen( Zusammen-) Leben eine besondere, weit über vermes-sungstechnische und historisch- geographische Aspekte hinauswei-sende Bedeutung. Umso erstaunlicher, daß die Menschenwissen-schaften ihren Blick bislang selten auf die Grenze gerichtet haben.Erst die Neuordnung des ,, europäischen Hauses"- verknüpft mitfreudig begrüßten Grenzöffnungen und schmerzhaft- leidvollen neu-en Grenzziehungen- hat den Kulturwissenschaften die Grenzen ver-stärkt ins Blickfeld gerückt.
4 Zu den engagierten bzw., distanzierten Typen der Wahrnehmung, des Denkensund Sprechens vgl. Elias, Norbert: Engagement und Distanzierung. Beiträge zurWissenssoziologie I. Frankfurt am Main 1983.
5 Discours sur l'inégalité. In: Weigand, Kurt( Hg.): Jean Jacques Rousseau: Schrif-ten zur Kulturkritik. 2. Aufl. Hamburg 1971, S. 190–269.
6 Bakunin, Michael: Gesammelte Werke. Bd. 2. Berlin 1924, S. 18.