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Christian Stadelmann
ÖZV LIII/ 102
rung der Ost- Mitteleuropäischen Länder war und mit dem radikalenUmbruch 1989 eigentlich ihre Funktion verloren hatte. Alle Beteilig-ten richteten ihren Blick fast umgehend nach Westen aus. Den Wirt-schaftszentren der Europäischen Union wurde die Kompetenz zur Lö-sung anstehender Probleme zuerkannt und nicht den kleinstaatlichenGebilden, in die man unmittelbar eingebunden war, ohne Selbstvertrau-en allerdings. Es drängte ,, die Menschen zwischen der alten Bundesre-publik und Rußland[...] nicht nach Vysegrad, sondern nach Brüssel❝53.Getrieben von der Wirtschaftskraft der größten europäischen Staatenstrahlte die Europäische Union bei weitem heller als das von inhomoge-nen, jedenfalls elitären Vorstellungen geprägte Mitteleuropa, das nochweit davon entfernt war, Konturen zu zeigen. Österreich hat bereits 1989um den Beitritt zur Europäischen Union angesucht und ihn schließlicham 1. Jänner 1995 vollzogen. Der Europäische Wirtschaftsraum alsZusammenschluß von EU- und EFTA- Staaten wurde 1994 eingerichtet.In Ungarn ist schon Anfang 1990 vom damaligen Außenminister GyulaHorn der Beitritt zur NATO vorgeschlagen worden. Im Dezember 1991wurde das Land als assoziiertes Mitglied der Europäischen Union aner-kannt. Insofern waren in beiden Staaten zum Zeitpunkt der ÜberführungMindszentys in der praktischen Politik die Weichen gestellt. Aber Unsi-cherheiten ließen 1991 noch genug Bedarf nach zentraleuropäischenKonzeptionen über. Erst in der Folge- mit den konkreter werdendenOptionen auf die Europäische Union- ist die Mitteleuropa- Idee, die inden 1980er Jahren zum Zweck, den Eisernen Vorhang zu überwinden,neu in Diskussion gekommen war ,,, sang- und klanglos in der Rumpel-kammer der Geschichte gelandet" 54.
So besehen ist die Wiederbestattung József Mindszentys trotz dereindeutigen Positionierung des Kardinals und der scheinbar festge-wachsenen geschichtlichen Rahmenbedingungen, eine historischeMomentaufnahme des Jahres 1991. Vor allem ihre mitteleuropäischenAkzente sind streng zeitgerichtet. Politik und Klerus hätten die Über-führung davor und danach anders gewichtet.
52 Serloth( wie Anm. 51), S. 34.
53 Dralle, Lothar: Von Europa über Mitteleuropa nach Europa. In: Gerlich, Peter,Krzysztof Glass, Barbara Serloth( Hg.): Mitteleuropäische Mythen und Wirk-lichkeiten(= Zentraleuropa und Mitteleuropa, Gemeinsamkeiten und Trennlinien6). Wien, Toruń 1996, S. 47-59, hier S. 58.
54 Weinzierl, Ulrich: Die Literatur ist ein Wesen mit drei Augen. Das neue Mittel-europa hat Schiffbruch erlitten: Schriftsteller treffen sich in Vilenica. In: Frank-furter Allgemeine Zeitung, 14.9.1995, S. 44.