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Christian Stadelmann
ÖZV LIII/ 102
kleinen Staaten auf der Suche nach der eigenen nationalen Identität“sind.47
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Für Ungarn bedeutete eine solche Mitteleuropa- Vorstellung denpraktischen Vollzug der Abkehr von Moskau bei gleichzeitiger Hin-wendung zum Westen. Wie die anderen postsozialistischen Staatenbefand sich Ungarn schon zu jener Zeit in einer Übergangsperiode,in der eine neue innereuropäische Positionierung gefunden werdenmußte. Nichts war naheliegender als auf eine Situation Bezug zunehmen, die zeitlich vor dem gerade überwundenen System liegt undsich wenigstens aus der Distanz durch Kontinuität auszeichnet:die Habsburgermonarchie. Diese Rückbesinnung kommt ohne jegli-chen Legitimismus aus, zumal in politischer Hinsicht die Vorbilderbereits in den westlichen Demokratien gefunden worden sind. Es gehtvielmehr um eine räumliche Setzung kultureller Identität. Die Mon-archie hatte schon aufgrund ihres Jahrhunderte währenden Bestehenseine eigene charakteristische Kultur hinterlassen, die das Fundamenteiner mittel- oder zentraleuropäischen Identität bildet48. Wo einekonkrete Zukunftsperspektive fehlt, muß bisweilen eine verklärteVergangenheit aushelfen. Das läßt sich auch für Österreich sagen, wozur Zeit der Überführung Mindszentys gerade die Diskussion um denBeitritt zur Europäischen Union( damals ,, Europäische Gemein-schaft“) eingesetzt hatte. Eine Europäische Union, die im Begriff war,den ,, Alleinvertretungsanspruch auf die Bezeichnung Europa" 49 zuerheben und damit zunächst nur West- und Südeuropa meinte. InÖsterreich war die Entdeckung alter Traditionen wie diffus dieseauch sein mochten zumindest eine attraktive Variante innerhalb derungewissen Europaperspektiven. Außerdem bedeutete die Mitteleuro-pa- Idee für Österreich die Chance, dem deutsch- deutschen Pendant eineeigene Konzeption entgegenzusetzen. Das vereinigte Deutschland mitMitteleuropa gleichzusetzen war seit 1989 eine gern geübte Variante,die stärker im Blickpunkt der westeuropäischen Öffentlichkeit stand
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47 Ebd.
48 Vgl. Kranjc, Janez: Auf der Suche nach zeitgemäßen Bezugspunkten, Ideen undMythen. In: Gerlich, Peter, Krzysztof Glass, Barbara Serloth( Hg.): Mitteleuro-päische Mythen und Wirklichkeiten(= Zentraleuropa und Mitteleuropa, Gemein-samkeiten und Trennlinien 6). Wien, Toruń 1996, S. 23-39, hier S. 27.
49 Ash, Timothy Garton: Mitteleuropa- aber wo liegt es? In: Ders.: Ein Jahrhundertwird abgewählt. Aus den Zentren Mitteleuropas 1980-1990. München, Wien1990, S. 188-226, hier S. 188.