Aufsatz in einer Zeitschrift 
Das ungarische Mariazell : oder: Die politische Neubewertung einer religiösen Leitfigur
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1999, Heft 1

Das ungarische Mariazell

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Mindszenty als Person und Mariazell als Ort stehen beide für einGlied in der Traditionskette, die den Riß überbrückt, den die Bezie-hung zwischen Ungarn und Österreich im 20. Jahrhundert erfahrenhat. Scheinbar an den politischen Konstellationen vorbei, sich aufreligiöse Ideale stützend, hat hier Nostalgie Platz. Sie ist primärmonarchistisch konnotiert, zielt aber auch ganz allgemein auf daseinstmals Gemeinsame und die vielfältigen Kontakte zwischen denbeiden Ländern ab. Kardinal Mindszenty hat sich obgleich er dabeizunächst nicht an Österreich gedacht hat- entgegen allen Vorgabenin die Tradition von vor 1919 gestellt. Er hat die Verbindung von Altarund Thron betont und einer säkularisierten Ordnung getrotzt, in derKirche und Staat gewaltsam getrennt worden sind( in Österreich istdiese Trennung ebenfalls vollzogen worden, wenn auch ohne Repres-sion). Mariazell ist in Ergänzung dazu eine räumliche Komponente.Der Ort ist ein kulturelles Zentrum, von dem aus sternförmig dieWallfahrtsrouten in alle Ecken eines ehemaligen und womöglichzukünftigen Kulturraumes reichen. Die politische Funktion, die Ma-riazell dabei erfüllt, wird unabhängig von der Person Mindszentys-jedenfalls nicht übersehen. Der österreichische Bundespräsident Tho-mas Klestil nimmt- offenbar gerne- die Möglichkeit zu öffentlichenAnsprachen in Mariazell wahr und immer wieder zum Anlaß, diegesamtgesellschaftliche Bedeutung des Gnadenortes zu betonen:

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Wie wenig[ sic] andere Plätze in unserem Land baut gerade Mariazellunverzichtbare Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwi-schen Religion und Staat, zwischen Österreich und Europa.[...] Mariazellist eines der großen Symbole unseres Landes in der Mitte Europas." 45Erwachsen aus der Monarchie wird der Ort zum Brennpunkt der Ideeeines Zentralraumes, die Mitteleuropa durch das Dreieck Budapest-Prag- Wien gebildet sieht. Das gilt längst nicht nur in einem religiö-sen Sinn. In Mariazell treffen sich die Intentionen von, altösterrei-chischen Nostalgikern, für die Mitteleuropa eigentlich nur eineUmschreibung für das alte Reich ist, und jenen ,,, die in ihren45 Klestil, Thomas: Ansprache anläßlich der vorweihnachtlichen Benefizmatineefür die Basilika Mariazell vom 17.12.1995. Zit. in: Staberl( wie Anm. 21), S. 166;ähnlich Klestil, Thomas: Ansprache anläßlich der Eröffnung der SteirischenLandesausstellung( 2. Teil) am 3.5.1996 in Mariazell. O.O., o.J.[ 1996], Text alsHandzettel vervielfältigt.

46 Pelinka, Anton: Zur österreichischen Identität. Zwischen deutscher Vereinigungund Mitteleuropa. Wien 1990, S. 133.