1999. Heft 1
Das ungarische Mariazell
für das habsburgische Kaisertum neue Bedeutung. Jenseits des Na-tionalitätenstreits sollte der Gnadenort eine völkerverbindende unddamit staatstragende Funktion einnehmen. Als 1857 das 700jährigeBestehen des Wallfahrtsortes gefeiert wurde, kamen zum Höhepunktder Festivitäten, dem Patroziniumsfest zu Mariä Geburt, am 8. Sep-tember 30.000 Menschen zusammen. Das Jubiläum wurde als Glau-benskundgebung der Einheit der Monarchie zelebriert. Gerade dasgeschah allerdings unter Abgrenzung der jeweils eigenen Sprachna-tionalität: Slowaken, Kroaten, Ungarn und deutschsprachige Öster-reicher zogen am Vorabend, nach Nationen geordnet, in die Gnaden-kirche ein. Es fragt sich, ob durch diese bewußte ethnische Separa-tion nicht ein sozial verbreitertes Bewußtsein für eine zunächst nurvage vorgestellte politische Gemeinschaft entfaltet wurde, daß alsodieses Zusammentreffen von einander fremden, in sich aber homoge-nen Gruppen ohne direkte übergreifende Kommunikation das Tren-nende gegenüber dem Gemeinsamen viel stärker in den Vordergrundder Begegnung gerückt hat. Evozieren in einem solchen Rahmen dieleicht dechiffrierbaren Merkmale wie Sprache oder Tracht nicht vieleher Distanz und Abgrenzung als den Willen zu einer vorurteilsfreienKontaktnahme, wie er etwa im Falle von direkten Wirtschaftsbezie-hungen selbstverständlich gegeben ist? 30 Diese Frage wäre wohlprinzipiell an alle zu jener Zeit zahlreich stattfindenden Festivitätenzu richten, die die ,, Einheit in der Vielfalt“ in ihrem Programmintegriert hatten.
Das Wallfahrtsaufkommen in Mariazell blieb von den zentrifuga-len Bestrebungen innerhalb der Monarchie weitestgehend unbeein-flußt, sieht man davon ab, daß der einigende Geist der Gnadenstätteumso emphatischer beschworen wurde, je näher der Zusammenbruch
29 Pirker, Johanna: Die Bedeutung der Wallfahrt für die Struktur und Entwicklungder Stadt Mariazell. Wirtschaftswiss. Dipl.- Arb., Wien 1992, S. 22.30 Eine ähnliche Sicht auf die Strukturen der interethnischen Kommunikation dürfteauch dem Hinweis von Gábor Tüskés und Éva Knapp zugrundeliegen, daß im19. Jahrhundert die Wallfahrt nach Mariazell von ungarischer Seite als ,, einSymbol des nationalen Unabhängigkeitsgedankens und des ethnischen Identi-tätsbewußtseins" betrachtet wurde( Tüskés, Knapp, Volksfrömmigkeit[ wieAnm. 23], S. 248). In ihren gut recherchierten Untersuchungen zur Volksfröm-migkeit in Ungarn vertreten sie für das 17. und 18. Jahrhundert, ihrem eigentli-chen Untersuchungszeitraum, ganz im Gegensatz dazu die These, daß der Wall-fahrt eine ausgeprägte kulturelle Vermittlerrolle zukomme( ebd., S. 175 f., 220,248, 275).