Aufsatz in einer Zeitschrift 
Das ungarische Mariazell : oder: Die politische Neubewertung einer religiösen Leitfigur
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Christian Stadelmann

ÖZV LIII/ 102

Deutschen Reich mit dessen wichtigstem Wallfahrtsort Altötting undihre deutliche Ostorientierung im Zuge der Rückeroberung Ungarns( ab 1683). Dementsprechend sind die Wallfahrten eindeutig türken-feindlich determiniert und mit einem martialischen Impetus ausge-stattet25.

Von ungarischer Seite wurde die prosperierende Entwicklung vorallem durch Fürst Paul Esterházy( 1635–1713) unterstützt, der sichan den Kämpfen gegen die Osmanen beteiligte und Habsburgertreuebewies. Von seinem Sitz in Eisenstadt und vorher von Graz, seinerzeitweiligen Ausbildungsstätte, aus hat er Mariazell häufig besucht.Insgesamt soll er 58 mal dort gewesen sein. Als Fürst( ab 1687)ordnete er an, daß alle in seinem Machtbereich gelegenen Pfarrenjährlich Prozessionen durchzuführen hätten. Diese Pilgerzüge trafensich in Eisenstadt und gingen gemeinsam nach Mariazell. 1692 sindsolcherart 11.200 Personen zum Gnadenort geführt worden²7.

Jeder Kaiser unternahm im Selbstverständnis als von Gott eingesetz-ter Träger der Verantwortung für Reich und Kirche im Laufe seinerRegierungszeit mehrere Wallfahrten nach Mariazell. Die Religion all-gemein als leicht faẞbares kulturelles Merkmal der Differenzierung unddie Marienverehrung speziell als in den Türkenkriegen eingeübtesSignum zur Abwehr eines fremden Glaubens waren probate Identi-tätsträger für den Gesamtstaat. Die Praktik der Wallfahrt kam einer starkreligiös orientierten Lebenswelt der Bevölkerung entgegen. Gleichzeitigschuf sie ein Bewußtsein für den Zusammenhang von Marienvereh-rung, Herrschergeschlecht und überregionaler habsburgischer Staat-lichkeit dies gerade auch für ansonsten weniger mobile Schichtenaus dem landwirtschaftlichen Milieu. Folgerichtig wurde der Gottes-mutter Maria von den Kaisern der Barockzeit ausdrücklich die Herr-schaft über ihren Staat übertragen28.

Ein solches Ausmaß an öffentlicher Indienstnahme erreichte diemarianische Frömmigkeit nach der josephinischen Zäsur nicht mehr.Doch erhielt Mariazell als Reichsheiligtum aufgrund der zunehmen-den sprachnationalen Separationsbewegungen des 19. Jahrhunderts25 Vgl. Tüskés, Knapp, Volksfrömmigkeit( wie Anm. 23), S. 273.

26 Blumauer- Montenave, Liselotte: Gäste des Wallfahrtsortes Mariazell. Eine Do-kumentation(= Wiener Katholische Akademie, Miscellanea, Dritte Reihe 208).Wien 1996, S. 74.

27 Winter, Ernst Karl: Die Heilige Straße. Der Pilgerweg von Wien nach Mariazell.Wien 1926, S. 16 f.

28 Coreth( wie Anm. 24), S. 58.