Aufsatz in einer Zeitschrift 
Das ungarische Mariazell : oder: Die politische Neubewertung einer religiösen Leitfigur
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1999, Heft 1

Das ungarische Mariazell

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einer ursprünglichen Bastion gegen die Türken werden ließ. Jeden-falls fallen diese Begebenheiten, die nicht exakt belegt sind, zeitlichmit dem Fall Konstantinopels zusammen. Als Substitut für die da-durch unmöglich gewordene Pilgerreise ins Heilige Land begannendie Habsburger, Wallfahrten nach Mariazell zu unternehmen. Gleich-zeitig bekam mit der religiös begründeten Dankeserklärung, derKirchenstiftung König Ludwigs, der bis dahin wenig bedeutendemarianische Gnadenort Gewicht besonders auch in Ungarn. Unter-brochen durch die Reformation nahm die Wallfahrt aber erst Ende des16. Jahrhunderts den gewaltigen Aufschwung hin zu ihrer hervorra-genden Position innerhalb der Habsburgermonarchie. Aus dieser Zeitsind die ersten organisierten Pilgerzüge bekannt2. Kaiser Ferdi-nand II.( 1578–1637) stellte noch vor der Thronbesteigung( 1619),als Erzherzog von Steiermark( ab 1596), sein rigides Vorgehen gegendie Protestanten ganz in den Dienst Mariens. Er widmete verstärktseine Aufmerksamkeit Mariazell, das in seinem unmittelbaren Ein-flußbereich lag, und begründete so das besondere Interesse des Herr-scherhauses an dieser Verehrungsstätte Mariens. Für 1621 ist belegt,daẞ Ferdinand II. anläßlich einer Wallfahrt nach Mariazell einerMeẞfeier beiwohnte, die vom Erzbischof von Gran( Esztergom),Péter Pázmány( 1570-1637), zelebriert wurde. Es läßt sich denken,daß das Zusammentreffen zweier maßgeblicher Vertreter der Gegen-reformation des ungarisch- österreichischen Raumes im marianischenGnadenort kein Zufall war. Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts sindregelmäßige Verbindungen der klerikalen und weltlichen OberschichtUngarns zu Mariazell nachgewiesen²³.

Der wachsenden Bedeutung der Wallfahrt wurde durch den großan-gelegten Umbau der Kirche, der in diese Zeit fällt, Rechnung getra-gen. Rasch stieg Mariazell als zentral gelegener Anziehungspunkt füralle Völker der Monarchie zum Reichsheiligtum auf 24. Ausschlagge-bend dafür war die allmähliche Abwendung der Habsburger vom21 Staberl, Michael: Mariazell und die Habsburger. Die Geschichte der Beziehungendes Hauses Habsburg zur Magna Mater Austriae im übernationalen HeiligtumMariazell. Kath.- Theol. Dipl.- Arb., Wien 1996, S. 39 f.

22 Vgl. Staberl( wie Anm. 21), S. 49.

23 Tüskés, Gábor, Éva Knapp: Volksfrömmigkeit in Ungarn. Beiträge zur verglei-chenden Literatur- und Kulturgeschichte(= Quellen und Forschungen zur euro-päischen Ethnologie 18). Dettelbach 1996, S. 211 f.

24 Coreth, Anna: Pietas Austriaca. Österreichische Frömmigkeit im Barock. Wien21982, S. 59.