Aufsatz in einer Zeitschrift 
Kultur und Prekärität : zu Tradierung, Verschriftlichung und Poetik bei den Roma des Südburgenlandes
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2005, Heft 4

Kultur und Prekärität

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gezwungen worden, mehr miteinander zu reden- zu kommunizieren. Eshat nur einen Ziehbrunnen gegeben, wo sich alle getroffen haben, dieSiedlung selbst war von Lindenblüten in so einer Art Allee umgeben, wasim Sommer natürlich eine herrliche Umgebung war, für uns Kinderüberhaupt. Und die Menschen haben eigentlich dann am Abend, hat sicheigentlich ein richtiges Siedlungsleben entwickelt, wir sind Alt und Jungbeisammen gesessen, es sind von den Alten die Märchen erzählt worden,die heute komplett nicht mehr vorhanden sind, man hat musiziert mitein-ander, man hat Fußball gespielt miteinander egal ob Alt und Jung, daswar ganz egal es haben 50- Jährige mit uns 10- Jährigen gespielt. Es warganz toll. Das Ganze hat sich dann aufgehört mit dem Bau der jetzigenSiedlung, wie wir plötzlich Wasser und Strom hatten und eigentlich dieseskulturelle Leben gestorben ist." 30

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Die Planung und Realisierung eines Schwerpunktkrankenhauses aufdem Siedlungsgebiet der Roma bedeutete für die Bewohner der Sied-lung die zweite Umsiedlung innerhalb einer vergleichsweise kurzenZeitspanne. 1972 war sie vollzogen und trotz des Versprechens, es werdeden Roma an ihrem neuen abermals peripheren- Wohnort bessergehen, änderte sich wenig an der Qualität der Wohnverhältnisse. Zudiesem Zeitpunkt war Stefan Horvath bereits verheiratet und berufs-tätig. Obwohl er als einer der wenigen Roma die Möglichkeit hatte,die Hauptschule zu besuchen und abzuschließen, erfüllte sich seinWunsch, weiter zur Schule zu gehen und zu lernen, trotz guter Notenaufgrund der Ablehnung durch eine weiterführende Schule nicht.

,, Das war für mich noch immer nicht unbedingt ein Grund zu resignieren,sondern mein Vater hat mir damals empfohlen, in Oberwart Mechanikerzu lernen, einen Beruf, den ich nicht unbedingt lernen wollte, aber weilmeine Freunde dort auch in der Werkstatt waren, habe ich mir gedacht,na egal, machen wir das. Ich hab mich dann vorgestellt und wie er meinZeugnis gesehen hat, hat er gesagt sofort:, Am Montag fängst du an!', daswar damals ein Freitag. Nur den Montag hat es für mich nicht gegeben,weil er mir vor Arbeitsbeginn gesagt hat, er kann mich nicht nehmen, weilich ein Zigeuner Glossar ::: zum Glossareintrag  Zigeuner bin." 31

Die Flucht in die Anonymität der Großstadt( Wien) blieb letztendlichdie einzige Perspektive. Ein vergleichsweise ansehnliches Gehalt und

30 Vgl. Anm. 28. Wie in vielen biografischen Erzählungen wird bei Stefan Horvathdie Jugendzeit zwar genau erinnert, jedoch werden negative Erlebnisse zumeistausgeblendet. Der Topos der unbeschwerten Kindheit begleitet die Erzählungen.31 Vgl. Anm. 28.