2005, Heft 4
Kultur und Prekärität
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also wenn auch eingeschränkt und im Gebrauch kontinuierlichabnehmend- als Teil der Alltagskultur halten, obwohl sich die weni-gen Überlebenden der Konzentrationslager des Nationalsozialismusauf Grund ihrer Traumatisierungen davor scheuten, die Sprache undandere kulturelle Kompetenzen und Ausdrucksformen weiter zu tra-dieren. Die Märchen und Lieder der Roma sind ein Beispiel dafür,wie viele kulturelle Eigenheiten nach der Rückkehr aus den Konzen-trationslagern verschwanden: Die ausgeprägte Erzählkultur noch zuAnfang des 20. Jahrhunderts förderte in der Region bekannte Erzäh-ler, die zu bestimmten Anlässen auch vor Nicht- Roma ihre Fertigkei-ten zum Besten gaben ,,, erzählt und gesungen wurde aber vor allembei der Arbeit( bei eintönigen Arbeiten auf dem Feld, am Hof, amBau), beim Militär, zu traditionellen Gelegenheiten( Totenwache,Neujahrsspiele und andere, Heischebräuche“) und natürlich zu Hau-se".22 Nach dem Zweiten Weltkrieg sahen sich die wenigen Zurück-gekommenen mit dem Umstand konfrontiert, das ,, letzte Bindegliedder Burgenland- Roma zur Vergangenheit“ und zur( Erzähl) Traditionzu sein. Die tradierten Geschichten wurden weiterhin im häuslichenRahmen erzählt, doch die Geschichten veränderten sich nicht mehr,was für Roma- Erzählungen grundsätzlich ungewöhnlich ist, aberdaran lag, dass die jüngsten Erlebnisse aus den Konzentrationslagernnicht in die Erzähltradition eingebunden wurden. Eine lebendige, sichweiterentwickelnde Erzählkultur war, wie ein Großteil der Romaselbst, durch den Nationalsozialismus zerstört worden. 23 Diese Formder Entwurzelung gilt ebenso für die ,, traditionelle" Musik der süd-burgenländischen Roma, wobei sich im Unterschied zu den Märchenund Erzählungen neue Formen und Stile herausentwickeln konnten.
Erfolgreich war das Projekt zur Kodifizierung und Didaktisierungdes Roman in mehrfacher Hinsicht. Vor allem aber lässt sich festhal-ten, dass sowohl Sprachwissenschaftler als auch Volksgruppenmitar-beiter sich weder auf die Suche nach Authentizität und ,, alter Tradi-tion" machten, noch auf strikte Wissenschaftsstandards pochten, son-dern das gesamte Projekt an die lokalen soziokulturellen Gegeben-heiten anpassten. Zum einen fand eine Orientierung an den Bedürf-
22 Wogg, Michael: Märchen, Erzählungen und Lieder der Burgenland- Roma. In:Halwachs, Dieter u.a.( Hg.): Der Rom und der Teufel. Märchen, Erzählungen undLieder der Roma aus dem Südburgenland. Klagenfurt 2000, S. 237-249; hierS. 237-238.
23 Vgl. ebd., S. 238.