Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LIX/ 108, Wien 2005, 407-430
Kultur und Prekärität
Zu Tradierung, Verschriftlichung und Poetik bei den Romades Südburgenlandes
Max Leimstättner
Zehn Jahre nach dem Bombenanschlag auf die Roma- Sied-lung im burgenländischen Oberwart will dieser Text einigeEntwicklungen revisieren, die sich in den letzten Jahren imHinblick auf das kulturelle Selbstverständnis der Roma desSüdburgenlandes vollzogen haben. Spezielles Augenmerk giltder Bedeutung emischer Perspektiven auf die Volksgruppe,zutagegebracht durch das Schreiben und die Verschriftlichungihrer Sprache.
Unter dem Titel Wir leben( Amen dschijas) fanden im Januar undFebruar dieses Jahres die Romawochen im burgenländischen Ober-wart statt. Anlass zur Durchführung mehrerer Veranstaltungen imRahmen des Projektes¹ gab das 10- jährige Gedenkjahr an das Bom-benattentat, das in der Nacht vom 4. auf den 5. Februar 1995 viermännlichen Roma das Leben kostete.² Einen Teil der Romawochenbildete unter anderem der Start eines Traumaprojektes, das den Be-troffenen aus der Siedlung nun- unter Ausschluss der Öffentlich-keit über mehr als ein Jahr hindurch Hilfe durch PsychologInnen³
1 Das Programm der Aktionswochen kann unter www.romawochenoberwart.at[ 10.10.2005] im Detail nachgelesen werden.
2 Zur Erinnerung: Der später verurteilte Bombenleger und BriefbombenattentäterFranz Fuchs hatte in der Nähe der von knapp 200 Personen bewohnten Roma-Siedlung am Rand von Oberwart auf einer Zufahrtsstrasse eine Rohrbombeplatziert. Darauf brachte er ein Schild mit der Aufschrift ,, Roma zurück nachIndien“ an. In der Siedlung fühlte man sich bereits einige Tage zuvor beobachtetund hatte deshalb beschlossen, Kontrollgänge zu organisieren. Vier männlicheRomanamentlich Josef Simon( 40), Peter Sarközi( 27), Karl Horvath( 22) undErwin Horvath( 18) waren nachts während einer dieser Kontrollgänge auf dasSchild gestoßen und wurden beim Versuch, es zu entfernen, von der heftigenDetonation der Bombe getötet.
3 Betreut wird das Projekt In der Finsternis der Tage, in der Kälte der Nacht von