2005, Heft 2-3
Mitteilungen
307
Bauerntum die gesellschaftliche Basis der Forschung, mit Ausblick auf dasHausgewerbe, das Zunftwesen und auf die Bevölkerung der Marktflecken, alsoauf Gruppen, die eine eindeutige Wirkung auf das Bauerntum ausübten.14
Dieses Konzept des historischen Fortschritts barg eine eigenartige Span-nung, indem eine ehedem existierende, als kohärent angenommene, Volks-kultur erforscht wurde. Die historische Entwicklung deutete auf einenIdealzustand hin, der in einer fiktiven( imaginären) Zeit existiert haben soll.Nach dem Vergehen dieser fiktiven( imaginären) Zeit, sollten nun nur noch dieÜberbleibsel, Relikte, Erinnerungen dieser Volkskultur zu finden sein, aber siewaren noch immer zu finden. Die letzte, 24. Stunde zur Rettung der aussterben-den, vergehenden Relikte dehnte sich jahrzehntelang dahin, und das Absterbenund Vergehen, ja auch die Vergangenheit selbst, wurden somit unendlich undunvollendet. Es entstand dadurch- um Konrad Köstlin zu paraphrasieren- dasethnographische Imperfekt, die unvollendete Vergangenheit.15
Weder im öffentlichen Diskurs noch in den Ethnowissenschaften gab eseine verbindliche Definition von Volkskultur‘ ,, bäuerlicher Kultur' oder, Bauerntum'16; und es gab auch keinen Konsens, ob eine verbindlicheDefinition überhaupt nötig sei.17 Die Reaktion der ungarischen Wissen-
14 Hier muss ich noch hinzufügen, dass die Erforschung der ethnischen Gruppeninnerhalb des ungarischen Sprachgebietes, die Erforschung der ethnischen Kul-tur und Eigenheiten- gestärkt durch Theorien der sowjetischen Volkskundeebenfalls eine bedeutende Rolle im Forschungskanon und in der universitärenAusbildung spielte.
15 Ein anderer Weg innerhalb der historischen Volkskunde bedeutete, die kulturellenPhänomene, Innovationen und den Wandel in den Mittelpunkt der Forschung zustellen. Diese Sicht rückte die soziale Struktur in den Hintergrund und bedeuteteeine eher kulturgeschichtliche oder wirtschaftsgeschichtliche Annäherung an dieThematik. Diese Ansätze der historischen Volkskunde hatten noch am ehestenÄhnlichkeit mit den Ansätzen der in den 1980er Jahren erscheinenden, als neugeltenden historischen Anthropologie. Die Erläuterung dieser interdisziplinärenBegegnung muss jetzt dahingestellt bleiben. Ausführlicher berichten darüber dieEinleitungen der folgenden Bände: Hofer, Tamás( szerk.): Történeti antro-pológia. Az 1983. április 18–19- én tartott tudományos ülésszak előadásai. Bu-dapest 1984; Sebők, Marcell( Szerk.): Történeti antropológia. Módszertaniírások és esettanulmányok. Budapest 2000.(= Replika könyvek, 7).
16 Zur Definition des Begriffs Bauerntum gab es Ansätze seitens der Geschichts-wissenschaft, der Anthropologie und der Ethnographie, die aber keine umfassen-de Wirkung auf die gesamte Disziplin haben konnten. Zusammenfassend sieheSárkány Mihály: A parasztság és a termelési viszonyok. In: Népi kultúra- népitársadalom, XIII( 1983), S. 21-37, Budapest.
17 Siehe die Diskussion A kultúrakutatás esélyei, 1-2( 1994), Replika, 13-14.,15-16. szám.[ Die Möglichkeiten der Kulturwissenschaften, ein Aufsatz vonNiedermüller, Péter: Paradigmen und Möglichkeiten, oder die Aussichten der