Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde108 (2005) / N.S. 59Cullin, Michel: Eugenie Goldstern in der Zeit des Frankojudaismus

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Eugenie Goldstern in der Zeit des Frankojudaismus
Seite
295
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Österreichische Zeitschrift für Volkskunde Band LIX/ 108, Wien 2005, 295-298

Eugenie Goldstern in der Zeit des Frankojudaismus

Michel Cullin

Die Beschäftigung mit Eugénie Goldstern bedeutet nicht nur, einStück dunkler österreichischer Zeitgeschichte aufzuarbeiten. DieErmordung dieser besonderen Frau aufgrund ihrer jüdischen Her-kunft ist Teil jenes österreichischen Syndroms, das Friedrich Heer someisterhaft in der Genesis des österreichischen Katholiken AdolfHitler aufgezeigt hat. Gleichzeitig hilft die Beschäftigung mitEugénie Goldstern, die notwendige Erinnerungsarbeit über die ideo-logisch belastete österreichische Volkskunde der ersten Hälfte des20. Jahrhunderts voranzutreiben.

Nur durch eine solche Erinnerungsarbeit kann auch die Zeit, in derEugénie Goldstern wirkte, besser verstanden werden. Sie verkörpertdurch ihr Werk jene wissenschaftliche und akademische Welt West-europas am Anfang des 20. Jahrhunderts, wo es zwischen Österreichund Frankreich oder Deutschland und Frankreich zu zahlreichenKulturtransfers gekommen ist. Mittler zu sein, zwischen Wissen-schaft und Kultur war ihr vom Beruf her und vom methodischenAnsatz her gegeben. Nicht zuletzt, weil die Alpen jene naturräumli-chen Koordinaten gebildet haben, wo die Kulturtransfers einerseitsaber auch und das ist noch viel wichtiger- die Wissenschaftstrans-fers in der Erforschung europäischer Gebirgskultur eine zentraleRolle gespielt haben. Wissenschaftstransfers zwischen der deutsch-sprachigen Welt und Frankreich bildeten in der zweiten Hälfte des19. Jahrhunderts und am Beginn des 20. Jahrhunderts die Grundlageneiner neuen Wissenschaftskultur, die Impulse für den Kulturvergleichermöglicht haben. Gerade die Dritte Republik in Frankreich undinsbesondere die Pariser Sorbonne bieten genügend anschaulicheBeispiele in der Philosophie, in der Geschichte ja allgemein in denGeisteswissenschaften für diese neue Wissenschaftskultur. Ich denke

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1 Heer, Friedrich: Der Glaube des Adolf Hitler. München 1968.