Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LIX/ 108, Wien 2005, 275-294
Moser, Schmidl, Trebitsch& Co.
Halbvergessenes aus der Geschichte des Vereins für Volkskunde
Herbert Nikitsch
Wenn ich hier über einige jüdische Vertreter der frühen Volkskundespreche, dann bin ich mir bewusst( und das will das Wort ,, halbver-gessen" im Titel andeuten), dass es zu dieser Thematik schon eineganze Reihe einschlägiger fachgeschichtlicher Abhandlungen gibtAbhandlungen, in denen Wissenschaftler mit jüdischem Hintergrundund deren Beiträge zur Entwicklung des Faches gewürdigt werden; indenen auch( und vor allem) die„ Folgen einer kulturellen Ausklamme-rung"( um einen Titel Christoph Daxelmüllers zu zitieren) herausgestri-chen worden sind. Und ebenso bewusst ist mir, dass meine Ausfüh-rungen hier eher skizzenhaft- illustrativer Art denn stringent- argumenta-tiver Natur sein werden- und dass so auch jene Frage unbeantwortetbleiben wird, die ich mir ursprünglich gestellt habe, als es darum ging,in Erinnerung an einige frühe Mitglieder des Vereins für Volkskundeetwas zum ,, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Umfeld von Eu-genie Goldstern, ihre Stellung als Frau und Jüdin“ beizutragen: dieFrage nämlich, was, wenn es um„ jüdische“ Vertreter der frühen ,, Volks-kunde“, um ,, Volkskundler“ mit„ jüdischem“ Hintergrund geht, diepersonale Bezeichnung„ jüdisch" wie auch die fachliche Zuordnung,, Volkskunde" im konkreten Einzelfall bedeutet. Denn zum einen kannman schon auf den ersten Blick jeweils recht unterschiedliche individu-elle Hintergründe ausmachen. Und zum anderen wäre ja auch bereits dieVereinnahmung der im Mittelpunkt dieser Tagung stehenden Wissen-schaftlerin in die österreichisch- volkskundliche Fachgeschichte
1 Daxelmüller, Christoph: Die deutschsprachige Volkskunde und die Juden. ZurGeschichte und den Folgen einer kulturellen Ausklammerung. In: Zeitschrift fürVolkskunde 83, 1987, S. 1–20; aus anderer disziplinärer Warte Hauschild, Tho-mas: Christians, Jews, and the Other in German Anthropology. In: AmericanAnthropologist 99, 1997, p. 746-753.
2 So die Einladung zur Tagung„ Eugenie Goldstern und ihre Stellung in derEthnographie“.